Comic-Ausstellung zur Kinderemigration

Zwischen November 1938 und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 entkamen rund 20.000 Kinder dem Schrecken der nationalsozialistischen Diktatur mit Hilfe der sogenannten Kindertransporte. Unter ihnen waren rund 600 Kinder aus Frankfurt am Main. Alleine wurden sie in Züge gesetzt. Für viele von Ihnen bedeutete das die Rettung vor Verfolgung, aber auch unverstandene Trennung von der Familie, Traumatisierung und Schuldgefühle.  Das Deutsche Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek erinnert in einer gerade eröffneten Comic-Ausstellung zur Kinderemigration an deren Schicksale und greift exemplarisch sechs Biografien heraus – lässt sie per Graphic Novel lebendig werden. Zu sehen sind diese in den Räumen der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt. Sylvia Asmus, die Leiterin des Deutschen Exilarchivs hat uns viele Fragen zur Ausstellung beantwortet.

Eines der Kabinette in der Ausstellung ©Foto: Alex Jakubowski
(Alex Jakubowski) Liebe Frau Asmus, worum geht es ganz grundsätzlich in Ihrer Ausstellung?

(Sylvia Asmus) Unsere Ausstellung „Kinderemigration aus Frankfurt“ zeigt, dass jede Geschichte der Kinderemigration eine individuelle und einzigartige Geschichte ist. Wir stellen sechs ehemalige Kinderflüchtlinge vor, deren Biografien unterschiedlicher nicht sein könnten: Lili Fürst, Renate Adler, Elisabeth Calvelli-Adorno, Josef Einhorn, Karola Ruth Siegel und Liesel Carlebach. Sie alle haben Frankfurt am Main mit einem Kindertransport verlassen. In Frankfurt wurde gerade ein Denkmal eröffnet, zur Erinnerung an die Kinderemigration. Die Künstlerin Yael Bartana spricht mit ihrem „Waisenkarussell“ auch von den Leerstellen, die die Kinderemigration hinterlassen hat.

Sechs Schicksale – sechs Kabinette

Ausgehend von diesem Gedanken haben wir im Ausstellungsraum sechs Zimmer, Kabinette errichtet, in die die ehemaligen Kinderflüchtlinge mit ihrer Biografie und Exponaten für eine befristete Zeit sozusagen zurückkehren. In diesen Kabinetten können Annäherung und Auseinandersetzung stattfinden. Zu den Exponaten der Ausstellung zählen Briefe, die oft die letzten Mitteilungen der Eltern waren, Tagebücher als häufig einziger Ort für unzensierte Niederschriften, behördliche Dokumente. Zu sehen sind auch Erinnerungsstücke, die die Kinder begleitet haben, wie beispielsweise die Puppe von Renate Adler. Die Biografien der sechs „Kinder“ werden zudem über Zeitzeug*inneninterviews erzählt. Uns ist es wichtig, die Biografien der vorgestellten ehemaligen Kinderflüchtlinge bis zur Gegenwart zu erzählen. Die vorgestellten Persönlichkeiten werden so auch mit ihren Lebensleistungen, Einstellungen, ihrem Engagement sichtbar.

Die Puppe von Renate Adler ©Foto Alex Jakubowski

Frankfurt spielt in der Ausstellung eine zentrale Rolle. Frankfurt als Ort der Herkunft und Kindheit – als Ort der Verfolgung, Ausgrenzung und Vernichtung – als Ausgangsort der Emigration und Sitz von Hilfsorganisationen und Wohnort von Helfer*innen. Aber auch als Ort der, meist nur temporären, Rückkehr  und als Ort der Erinnerung mit Denkmälern und Stolpersteinen. Diese Ebenen werden in der Ausstellung zusammengebracht. In Projektionen, Dokumenten und in einer gestengesteuerten Karte. So können die Ausstellungsbesucher*innen ihre Stadt neu entdecken und Orte aufspüren, die im Stadtbild nicht als Orte der Kinderemigration markiert sind. Wichtig ist zudem, dass wir in der Ausstellung nicht nur unsere Perspektive auf das Thema und die Biografien zeigen, sondern hier geöffnet haben. Wir haben mit Zeitzeug*innen und Familienangehörigen gemeinsam Exponate ausgewählt, die für die jeweilige Biografie wichtig sind und wir haben mit sechs Künstler*innen zusammengearbeitet, die die vorgestellten Biografien in Graphic Novels umgesetzt haben. 

Comic Liesel Carlebach, Seite 1 und 2 © Ilknur Kocer
Geschichte vermitteln im Comic: Warum haben Sie sich für dieses Medium entschieden? 

Die von Hamed Eshrat, Illi Anna Heger, Sascha Hommer, Magdalena Kaszuba, Ilknur Kocer und Birgit Weyhe gezeichneten Graphic Novels sind sehr unterschiedlich und genau das haben wir uns erhofft. Die Künstler*innen orientieren sich zwar am tatsächlich Geschehenen, sie greifen historische Ereignisse und auch in der Ausstellung gezeigte Exponate in ihren Zeichnungen auf. Sie finden aber zugleich ihre je eigenen, künstlerischen, auch imaginativen Zugänge. So wird die Ausstellung um die Perspektiven der Künstler*innen erweitert. Das war mir wichtig. Die Graphic Novels bieten ganz eigene Interpretationsmöglichkeiten und Annäherungen an die erzählten Biografien und die damit verbundene Zeitgeschichte. Sie verbinden – wie ich finde – in sehr gelungener Weise Gegenwart und Vergangenheit, indem sie beispielsweise über fiktive Handlungsstränge Zeitsprünge ermöglichen.

Eigene Interpretationen von Biografien

Das verbindet sich sehr gut mit unserem Anliegen, in unserer Ausstellung auch die Frage nach der heute geeigneten Form für die Erinnerung an die Kinderemigration zu reflektieren. Die graphischen Erzählungen sind zudem geeignet, Atmosphären und Gefühle eindringlich darzustellen, die für unser Thema natürlich sehr wichtig sind. So werden einerseits emotionale Zugänge geschaffen, anderseits durch Fiktionalisierung auch ausreichend Distanz gewahrt. Die Graphic Novels verbinden sich in der Ausstellung in hervorragender Weise mit den präsentierten Exponaten und betten diese in die Geschichte sichtbar ein. Die halb-fiktiven Hauptfiguren der Graphic Novels lassen wir – als weiteres Element der Ausstellung – temporär, in den Frankfurter Stadtraum zurückkehren. Sie sind dort als Cut-Outs an Orten zu sehen, die für die emigrierten Kinder wichtig waren: an Schulen, Spielplätzen, am Zoo und weiteren Orten. Dort erinnern die Comic-Figuren an die erzwungene Abwesenheit. 

Comic Lili Fürst, Seite 1 und 2 © Illi Anna Heger
Wie kam es zur Auswahl der Zeichner:innen?

Wir haben uns viele Graphic Novels angesehen und Zeichner*innen gesucht, die sich bereits mit historischen Themen, vorzugsweise mit Themen der Emigration, Migration, Ausgrenzung beschäftigt haben. Diese Themen erfordern eine besondere Herangehensweise und Sensibilität. Die Arbeiten von Hamed Eshrat, Illi Anna Heger, Sascha Hommer, Magdalena Kaszuba, Ilknur Kocer und Birgit Weyhe haben uns sehr überzeugt und wir haben uns gefreut über deren Bereitschaft, an der Ausstellung mitzuwirken. 

Im Vordergrund Elisabeth Calvelli-Adorno, von Sascha Hommer © Foto: Alex Jakubowski
Welche Vorgaben haben Sie gemacht?

Die Vorgaben, besser gesagt die Grundlage, für die Graphic Novels waren die Biografien der vorgestellten Persönlichkeiten. Diese haben wir erarbeitet und mit den Künstler*innen besprochen. Wir haben den Künstler*innen außerdem Exponate gezeigt und deren Bedeutung für die Biografie und die Ausstellung erläutert. An manchen Stellen haben wir auch über gewählte Interpretationen und fiktive Elemente diskutiert. 

Wie kam das Ergebnis bei den Zeitzeugen und Nachkommen an?

Die Zeitzeug*innen und Familien haben die Zeichnungen sehr gut aufgenommen und waren von der Ausstellung und den Graphic Novels sehr berührt. 

Comic Josef Einhorn, Seite 3 und 4 © Birgit Weyhe
Wird die Ausstellung auf Reisen gehen? Gibt es Begleitmaterial?

Auf Reisen gehen wird die Ausstellung nicht, denn es steht ja die Emigration aus unserer Stadt, aus Frankfurt im Fokus. Im Oktober wird im Wallstein Verlag ein umfangreicher Begleitband erscheinen, der auch die Graphic Novels umfasst. Wir haben bei unserem Vorhaben eng mit dem Kulturamt der Stadt Frankfurt kooperiert, das die Errichtung des Denkmals organisiert und umgesetzt hat. Der Begleitband wird beide Projekte, Ausstellung und Einweihung des Denkmals darstellen und historisch-wissenschaftlich kontextualisieren. Außerdem haben wir die Ausstellung auch in eine virtuelle Form umgesetzt, auch dort sind die Graphic Novels Bestandteil.

Sylvia Asmus im Live-Interview bei Tagesschau24 ©Foto: Alex Jakubowski
Weiterführende Informationen:

Die Virtuelle Ausstellung finden Sie hier: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/kinderemigration1933-1945/

Führungen im September: Fr. 3. Sep, 18 Uhr + Do, 16. Sep.,19:00 Uhr + Sa, 25. Sep., 14:00 Uhr | Eintritt frei, Anmeldung erforderlich unter www.dnb.de/veranstaltungfrankfurt, Eingang Wechselausstellung

Biografische Führungen zur Ausstellung „Kinderemigration aus Frankfurt“: Mi, 08. Sep., Do, 13. Sep. jeweils 13 Uhr | Eintritt frei, Anmeldung erforderlich unter www.dnb.de/veranstaltungfrankfurt, Eingang Wechselausstellung

Auch in den Folgemonaten werden Führungen angeboten. Mehr Informationen findet Ihr hier: https://www.dnb.de/DE/Kulturell/Kinderemigration/kinderemigration_node.html

Mehr Geschichte im Comic gibt es übrigens auch hier: https://comic-denkblase.de/die-kinder-der-resistance-spielerisch-aber-nicht-naiv

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