Die Insel der Abenteuer

Ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich mich freue, dass die Abenteuer-Reihe von Enid Blyton endlich wieder in einer Neuauflage zu bekommen ist. Der für die großen Comic-Klassiker wie Tarzan oder Prinz Eisenherz bekannte Bocola-Verlag veröffentlicht nun eben auch Die Insel der Abenteuer. Den ersten Band der acht-teiligen Reihe, die ich als Kind verschlungen habe. Ich habe nicht nur mit Bocola-Chef Achim Dressler ein Email-Interview geführt, sondern lasse auch Winfried Secker zu Wort kommen. Comic-Sammler, Ex-Comic-Händler und ausgewiesener Blyton-Fachmann – der vor allem die wunderbaren Illustrationen von Stuart Tresilian schätzt.

Eine der vielen Illustrationen von Stuart Tresilian.
©Macmillan Publishers International Ltd, 1944, 2022,
© 2022 der deutschsprachigen Ausgabe Bocola Verlag GmbH, Klotten
(Alex Jakubowski) Lieber Achim, wie kommt es zu der Neuveröffentlichung, die nicht nur ich so lange herbeigesehnt habe?

(Achim Dressler) Seit Kindertagen bin ich begeisterter Leser und Fan von zahlreichen Enid Blyton-Reihen. Besonders beliebt bei mir war immer die Abenteuer-Reihe. Als ich die acht Bücher vor einigen Jahren meiner Tochter vorgelesen habe, fand ich die Geschichten mit den tollen Zeichnungen immer noch sehr spannend und gelungen. Anfang 2021 habe ich durch Zufall ein altes Exemplar der Reihe auf dem Dachboden wieder entdeckt. Nach einiger Recherche stellte ich fest, dass die Lizenz für Deutschland frei ist. Ausserdem fand ich die englischen Originale noch schöner. Zudem waren sie mit wesentlich mehr Abbildungen versehen. So begannen intensive Verhandlungen mit einem Londoner Verlag, die schließlich zur Lizenzvereinbarung führten.

Das Schutzumschlag-Cover der Neuausgabe.
©Macmillan Publishers International Ltd, 1944, 2022,
© 2022 der deutschsprachigen Ausgabe Bocola Verlag GmbH, Klotten
Es sind viele Zeichnungen enthalten, die zumindest in meiner Ausgabe von 1961 nicht drin sind. Wie kommt es dazu?

Der damalige deutsche Verlag (Erika Klopp Verlag) hat ab 1950 die Reihe in Übersetzung herausgegeben. Allerdings mit eigenen Umschlagmotiven und seltsamerweise nur mit etwa der Hälfte, der im Originalband vorhandenen Zeichnungen.

Leider haben sich trotz intensiver Suche keine Originalzeichnungen mehr auffinden lassen. Zum Glück sind aber die abgedruckten, vollständigen Zeichnungen in den frühen Originalbänden von durchaus guter Qualität und konnten gescannt und restauriert werden

Eine Ausgabe von 1961 (links) und die Neuausgabe 2022. ©Foto: Alex Jakubowski
Das Buch liegt in einer neuen Übersetzung vor. Wurde diese extra für die Neuausgabe gemacht? Und warum wurde aus dem männlichen Papagei ein weiblicher?
Ja, wir haben extra für diese Reihe eine neue Übersetzung anfertigen lassen, allerdings eng angelehnt und im Stil der alten Übersetzung von Lena Stepath.  Deshalb wurde bei uns aus dem Papagei Kiki, wie im englischen Original, die Papageiendame Kiki.
Kiki ist immer dabei. ©Macmillan Publishers International Ltd, 1944, 2022,
© 2022 der deutschsprachigen Ausgabe Bocola Verlag GmbH, Klotten
Lieber Winfried, viele Comicfans kennen Dich noch als Händler im ehemaligen Rundschau-Haus in Frankfurt. Dass Du selbst großer Blyton-Experte bist, wissen die wenigsten. Welchen Bezug hast Du zur Abenteuer-Reihe von Blyton?

(Winfried Secker). Als Dorfkinder spielten wir Buben in den 1950er Jahren viel auf der Straße und zogen abenteuersuchend über die Felder. Gleichzeitig war ich eine Leseratte und Enid Blyton-Bücher waren einfach präsent. Natürlich konnten wir uns die Hardcover-Bände nicht leisten. Wir liehen sie aus, lasen sie, und vergassen sie – nie.

Der Papagei Kiki machte auf mich einen tiefen Eindruck. Seine mehr oder minder passenden Kommentare waren einfach zu komisch. Die Abenteuerreihe beeindruckte mich noch mehr als die Fünf Freunde. Sie waren geheimnisvoller, noch spannender und man musste sich länger durcharbeiten. Bei Recherchen zu Blyton landete ich später auf der umfangreichen Webseite der „Enid Blyton Society“ und wurde Mitglied.

Professor David Rudd, der seine Dissertation über Enid Blyton verfasste, hat herausgearbeitet, dass Enid Blyton eher einer Erzähltradition zuzuordnen ist, weswegen ihre Geschichten oft mit direkter Ansprache des Lesers duchsetzt sind. Damit spricht sie Kinder direkt an, was die große Faszination auf sie ausmachen mag. Damit ist Blyton zu der bis heute weltweit erfolgreichsten Kinderbuch-Autorin geworden – mit insgesamt über 650 Millionen Büchern (Im Vergleich: die in Deutschland beliebte Astrid Lindgren 130 Millionen.) In England zählt sie noch im neuen Jahrtausend zu den jährlich ermittelten zehn beliebtesten Autoren, meist landet sie unter den ersten fünf.

Blyton-Fachmann Winfried Secker. Das Foto stammt aus unserem Buch
„Die Kunst des Comic-Sammelns“, das ich 2015 gemeinsam mit Sandra Mann
in der Edition Lammerhuber veröffentlicht habe. ©Foto: Sandra Mann
Was fasziniert Dich so sehr an den Illustrationen von Stuart Tresilian?

Mich begeistern Illustrationen an sich.  Dabei ist am wichtigsten, dass der Zeichner Atmosphäre zaubert. Da mag der Zeichner nicht überaus realistisch sein, aber er muss einen eigenen Stil haben, wiedererkennbar sein. So wie im Kinderbuch-Bereich Janosch oder beim Comic Hansrudi Wäscher mit Falk, Sigurd oder Nick.

Stuart Tresilian schafft nicht nur Atmosphäre, er trifft die Realität.  Zu seinen lebendigen Tierdarstellungen begab er sich lange Stunden in den Zoo und studierte Anatomie und Bewegungen. Beeindruckende Tierzeichnungen tauchen in den Abenteuerbänden immer wieder auf. Er hat unter anderem in England auch Rudyard Kiplings Mowgli-  und Dschungelbücher illustriert.

Unter Blyton-Enthusiasten gab es lange Zeit einen Stein des Anstosses. Nämlich, warum Tresilian für die Darstellung Kikis keine afrikanische Papageien-Art wählte. Die war in England zu Enids Zeiten weit verbreitet. Tresilian aber wählte eine verwandte Vogelart, einen weißen australischen Kakadu. Enid hatte einen Papagei ihrer Tante im Sinn. Allerdings hatte Kiki in Enids Text als bedeutungsschwangere Körpersprache die sich aufrichtende Federhaube. Und die afrikanischen Papageien lassen diese auf ihrem Haupte vermissen. Hinzu kommt die majestätische, eher aufrechte Haltung eines Kakadus, die eher zu einem so stolzen und fordernden Charakter wie Kiki passte, im Gegensatz zu der eher schrägen Körperhaltung eines Papageien.

©Macmillan Publishers International Ltd, 1944, 2022,
© 2022 der deutschsprachigen Ausgabe Bocola Verlag GmbH, Klotten
Wie gefällt Dir die neue Ausgabe? Auch die Neuübersetzung? 

Anfang der 90er fand ich in Edinburgh in einer Kinderbuchhandlung  antiquarische frühe Blyton-Bände. Die waren wunderschön aufgemacht mit nie gesehenen Schutzumschlägen von Tresilian und Eileen E. Soper (Illustratorin der Fünf Freunde) und zusätzlichen Innenillustrationen, die in den deutschen Ausgaben fehlten. Beim Lesen der englischen „Adventure“-Bücher fiel mir bereits auf, dass im Original Kiki eine Papageien-Dame war. Ich wünschte mir damals so eine Ausgabe für den deutschen Markt.

Daher: absolutes Lob für die gesamte Aufmachung! Druck und die Beschaffenheit des Papiers lassen die Strukturen und Schraffierungen der Zeichnungen Tresilians gut hervortreten und sind deutlicher als in den früheren deutschen Ausgaben. Ich ziehe den Hut vor Barbara Propach. Ihre  Neuübersetzung  klingt sehr stimmig, in einem Ton, der dem Alter der Originalvorlage gerecht wird.

Ein kleiner Hinweis auf dem Schutzumschlag zeigt an, dass 22 Zeichnungen deutsche Erstveröffentlichungen sind, zusätzlich zu dem tollen farbigen Schutzumschlag. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass  die Anpassung der ins Deutsche gesetzten Schrift auf dem Umschlag von dem Schriftprofi Gerhard Förster ausgeführt wurde. Drei Zeichnungen mussten leider laut Hachette unter den Tisch fallen, sonst hätten sie keine Genehmigung für das Kinderbuch erteilt. Mein Tipp: Beim Lesen macht den Schutzumschlag ab. Er ist einfach zu schön, um beschädigt zu werden.

Hier gehts zum Verlag: https://www.bocola.de/
Hier findet Ihr unser Buch: „Die Kunst des Comic-Sammelns“: https://edition.lammerhuber.at/buecher/die-kunst-des-comic-sammelns

 

3 Kommentare

  1. Die Herausgabe der Abenteuerbände bei Bocola fällt auf den hundertsten Geburtstag der Veröffentlichung von Enid Blytons erstem Buch „Child Whispers“ im Jahre 1922. Ich werte das als einen guten Neu-Start. Einer der schönsten Kinderserien der Weltliteratur sei ein gutes Gelingen gewünscht, für den Verlag, die lesenden Kinder oder -für uns Erwachsene- unser inneres Kind.

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