Barbara Yelin: Geschichte zum Erleben

Comics von Barbara Yelin berühren mich. Das war zuletzt bei „Der Sommer ihres Lebens“ so, der kongenialen Zusammenarbeit mit Autor Thomas von Steinaecker (mehr zu Thomas: https://comic-denkblase.de/batman-goes-gung-ho). Und das ist auch bei ihren aktuellen Veröffentlichungen so. Beide beschäftigen sich mit der Zeit des Nationalsozialismus. In „Tagebuch eines Zwangsarbeiters“ hat Barbara den vorliegenden Text von Jan Bazuin illustriert. In „Aber ich lebe“ setzt sie die Erinnerungen der KZ-Überlebenden Emmie Arbel in Szene. Einfühlsam und auf den Punkt. Barbara Yelin: Geschichte zum Erleben. 
Die Erinnerungen der Emmie Arbel.
Für die deutsche Ausgabe:
©Verlag C.H.Beck oHG, München 2022
(Alex Jakubowski) Liebe Barbara, vor Kurzem sind zwei Bücher erschienen, bei denen Du Dich im weitesten Sinne mit dem Thema Nationalsozialismus beschäftigt hast. In „Tagebuch eines Zwangsarbeiters“ bist Du als Illustratorin tätig, in „Aber ich lebe“ hast Du einen Comic gestaltet. Welchen Unterschied macht das für Dich bei der Herangehensweise an das Thema?

(Barbara Yelin) Beide Projekte waren sehr intensiv. Das Projekt mit der Überlebenden Emmie Arbel für „Aber ich lebe“ war allerdings deutlich länger und komplexer als „Jan Bazuin“. Für das Tagebuch von Jan Bazuin habe ich 40 Illustrationen angefertigt zu einem Text, der ja in Gänze bereits existierte – das Tagebuch eines 19-jährigen Holländers, der von den Nazis zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurde. 

Für Emmie Arbels Aufzeichnung ihrer Erinnerungen für „Aber ich lebe“ habe ich nicht nur gezeichnet, sondern war auch Autorin, Rechercheurin und Interviewerin. Die Basis des Comics sind die Gespräche mit Emmie Arbel, die ich über mehrere Tage mit ihr in Israel führen konnte. Die Erzählung selbst, die Verschachtelung der Zeitebenen, die Dramaturgie und die Auswahl der Szenen habe ich hier selbst vorgenommen. Dabei stand ich immer im Kontakt mit Emmie Arbel, und ihr Feedback zu meinen Entwürfen habe ich wieder eingearbeitet. 

Beide Projekte sind zudem im Dialog mit Historiker*innen entstanden, die mir bei der Recherche sehr geholfen haben. Das Projekt „Aber ich lebe“ war eingebettet in eine internationale Zusammenarbeit mit Expert*innen von Institutionen, Universitäten und Gedenkstätten.

„Aber ich lebe“
Für die deutsche Ausgabe:
©Verlag C.H.Beck oHG, München 2022
Wie bereitest Du Dich grundsätzlich auf die Umsetzung der Themen vor?

Da gibt es kein chronologisches Vorgehen. Und das Zeichnen selbst ist eigentlich von Beginn an dabei. Das Fundament ist immer die Begegnung, das Zuhören, das Treffen mit den Menschen, über die ich erzähle – im Fall von „Aber ich lebe“ war es Emmie Arbel. Nach den Gesprächen beginne ich, lose Sätze und Bilder aus dem Gehörten zu skizzieren, um sie festzuhalten. Bei „Aber ich lebe“ hatte ich viele Stunden Interviewtranskriptionen, die ich gelesen und nach dem Wichtigsten und Eindrücklichsten durchforstet habe. 

Sobald ich aber das Erzählte skizziere, tun sich weitere Fragen auf – viele Fragen. Wie sieht der Ort aus, wie ist die Geschichte darum herum, was war davor und danach? Und hier beginnt dann die eigentliche Arbeit der Recherche. Ich hatte bei beiden Projekten das Glück, dass ich Expert*innen ansprechen konnte, die mich bei der Recherche entscheidend unterstützt haben. Aber Vieles lese, recherchiere oder suche ich auch selbst. Und immer wieder gehe ich in den Dialog. Das Zeichnen ist elementar in jeder Phase meiner Arbeit. Ich zeichne, was ich herausfinde, und sehe wiederum, was ich herausfinden muss, wenn ich es zeichne. Das Zeichnen ist so immer auch ein der Geschichte Näherkommen. 

„Tagebuch eines Zwangsarbeiters“
©Verlag C.H.Beck oHG, München 2022
Bei „Aber ich lebe“ hast Du Deine Hauptfigur, Emmie Arbel, besucht und bringst Ihre Erinnerungen zu Papier. Sie hat als Kind die Konzentrationslager Ravensbrück und Bergen-Belsen überlebt. Allein beim Lesen Deines Comics hält man den Schmerz nur schwer aus, den Emmie erlebt haben muss. Wie ist es Dir ergangen, als Du bei ihr warst?

Genauso wie Dir: Ich habe es nur schwer ausgehalten. Aber es geht hier ja nicht um mich. Es ist Emmie Arbel selbst, die den Schmerz ertragen muss. Wenn sie die Kraft hat, hierüber zu sprechen, möchte ich zuhören. Es ist ja auch ein großes Zugeständnis, dass sie bereit war und ist, mit mir, mit uns, über ihre Erinnerungen zu sprechen.

Wir hatten glücklicherweise viel Zeit zum Sprechen. In dieser Zeit hatte nicht nur der ungeheure Schrecken des Erlebten und Erinnerten Platz, sondern es gab auch viele Pausen, Schweigen, Spaziergänge, Kaffees und auch Lachen. Emmie Arbel hat einen tollen, trockenen Humor. 

Oft sagt Emmie, „ich weiß es, aber ich erinnere mich nicht“. Zum Beispiel an die Befreiung. Für mich sind das die stärksten Stellen im Comic. Habt Ihr darüber gesprochen, warum das so ist?

Emmie Arbel war keine fünf Jahre, als sie mit ihrer Familie deportiert wurde. Ihre Erinnerungen sind also die eines Kindes. Sie ist sehr akkurat darin gewesen, mir zu beschreiben, an was sie sich selbst erinnert und was ihr andere erzählt haben, zum Beispiel ihr Bruder. Ihre beiden Brüder haben auch überlebt, und alle drei Geschwister erinnerten sich natürlich auch an unterschiedliche Ausschnitte und Perspektiven des Erlebten. Erinnerung ist dann ja auch etwas Fluides, nichts Festes. Und doch konnte ich alle Szenen, an die Emmie Arbel sich erinnert, in der Recherche verifizieren. 

Es gibt auch sehr viele Dokumente, die die Lücken der Erinnerung in ihrer Zeit im Holocaust und die Zeit nach der Befreiung schließen konnten – aus historischen und weiteren Archiven. Damit habe ich auch gearbeitet. Und es gibt ja viele verschiedene Zeitzeug:innen und vor allem die weiträumige historische Forschung. All dies ist eingeflossen. 

Mir war aber zentral wichtig, zuallererst Emmie Arbels eigene Erinnerung zu erzählen, ihre Sicht, ihre Ausschnitte, und nicht den historischen Überblick. Und dabei gleichzeitig auch die Lücken der Erinnerung sichtbar zu machen, die Vergessenes, Verdrängtes, Traumatisches als Leerstelle beschreiben. Ich wollte, dass man Emmie Arbels Form der Erinnerung kennenlernt – dass man ihr nahekommt.


Erinnerungen und Alltag…
Für die deutsche Ausgabe:
©Verlag C.H.Beck oHG, München 2022
Grundsätzlich: Für wie wichtig hältst Du Geschichtsvermittlung – gerade zum Nationalsozialismus – im Comic? Die „Überlebenden“ werden ja immer weniger.

Geschichtsvermittlung zu Holocaust und Nationalsozialismus an sich ist natürlich unglaublich wichtig. Immer und gerade heute, wo an so vielen Orten Antisemitismus und faschistische Bewegungen sichtbar werden und wachsen.

Mir geht es dennoch in meinem Zeichnen nicht vorrangig um pädagogische Geschichtsvermittlung, sondern zuallererst um die Annäherung an eine Person, die diese Geschichte erlebt hat. Und so wirklich spürbar zu machen, dass diese Geschichte, die für viele so weit entfernt zu sein scheint, eben nicht weit weg ist, insbesondere nicht für Menschen wie Emmie Arbel: die Erinnerung und die Traumata sind etwas sehr Gegenwärtiges, denn sie greifen ja immer wieder in das Jetzt ein. Für sie selbst, für ihre Kinder und Familien. Und gleichzeitig möchte ich zeigen, welche Kraft dazu gehört, mit solchen Erinnerungen zu leben. 

Dass dabei auch Leser*innen Türen geöffnet werden für das Interesse an der Geschichte, finde ich sehr gut und wichtig. Comics haben zeichnerische Möglichkeiten, die für das historische Erzählen und das Erzählen von Traumata viel ermöglichen. Recherche, Leerstellen, Rekonstruktion, Fragmente, all das kann mit Farben und Zeichnung auf eine besondere Weise dargestellt werden. Das nicht Sagbare kann durch die Zeichnung gerahmt werden. Die Erinnerungen nicht in Archiven verschwinden zu lassen, war eines der wichtigsten Anliegen des internationalen Projekts „But I Live – Aber ich lebe“, und gleichzeitig eine Art der Erzählung zu finden, die hoffentlich auch Menschen erreicht, die die Zeitzeug*innen nicht mehr persönlich erleben können.

Wie hat Emmie auf Deine Umsetzung reagiert? Im Comic selbst sagt sie ja, dass sie nicht gerne Bilder von sich sieht.

Sie war immer kritisch, im konstruktiven Sinne, und das fand ich gut. Gleichzeitig hat sie mir letztendlich größte Freiheit gewährt. Ja, am Anfang war sie dem Medium Comic gegenüber sehr skeptisch. Das hat sich dann in der Zusammenarbeit geändert, darüber bin ich natürlich froh. 

Doppelseite aus dem „Tagebuch eines Zwangsarbeiters“.
©Verlag C.H.Beck oHG, München 2022
Beim „Tagebuch eines Zwangsarbeiter“ hast Du bestimmte Szenen illustriert. Wie bist Du bei der Auswahl der Szenen vorgegangen? Was war Dir da wichtig?

Das habe ich zusammen mit dem Historiker Paul Rabe – dem Herausgeber und Forschungsleiter des NS-Dokumentationszentrum München – in langen Telefonaten (Pandemie-bedingt) besprochen. Er hatte auch schon ungeheuer viel historische Recherchearbeit zusammengetragen. Das NS-Dokumentationszentrum eröffnet auf dem Gelände des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers Neuaubing eine Erinnerungsstätte. Im Zuge dessen ist auch dieses Tagebuch entdeckt und in den Blickpunkt gekommen, und ich wurde für die Bilder beauftragt. 

Es ging uns beiden um Szenen, die vor allem als Bild interessant sind, dem Text etwas hinzufügen und im Text nicht bereits hinlänglich beschrieben sind. Wir haben die Stellen gesucht, an denen eben auch Lücken im Text sind, wir haben zum Beispiel Orte aufgezeichnet, die im Text nicht beschrieben sind – denn es ist ja ein Tagebuch, und somit nicht ein Text mit Anspruch auf Vollständigkeit. 

Illustration ist ja eher dann uninteressant, wenn sie das Gesagte nur wiederholt. Dann nimmt sie dem Text eher was weg. Sie sollte Bilder suchen, die den Text anreichern, oder die neben dem Text stehen können. Auch hier eröffnete die Zeichnung die Chance, Situationen, Menschen oder Orte sichtbar zu machen, von denen es keine Fotografien gibt, die nicht mehr da sind, oder die ausschliesslich aus der Perspektive der Täter:innen abgebildet sind.

Texte anreichern – nicht wiederholen.
©Verlag C.H.Beck oHG, München 2022
Kannst Du uns Deine Arbeitsweise beschreiben? Zeichnen und aquarellieren? Analog? Oder bin ich wieder mal der digitalen Illusion aufgesessen? 😉

Zeichnen und Aquarell stimmt schon ganz gut! Erst kommt die Bleistiftskizze, dann Wasserfarbe, am bestem mit großem Pinsel. Das schafft eine Untergrundstruktur. Dann verwende ich oft Buntstifte, „wasser-vermalbar“ und dann auch nicht lösliche. Dann wieder Wasserfarbe, und so geht es weiter, bis das Bild steht. 

Bei Bazuin habe ich aber auch vermehrt digital weiter gezeichnet. Es ist mir wichtig, bestimmte Stellen der Zeichnung offen zu halten, andere ganz genau zu zeichnen, feiner. Fürs feine Zeichnen ist der digitale feine Pinsel ein gutes Werkzeug, da kann ich nah hinein zoomen. Zeichnen ist für mich immer die – immer neu erlebte – Balance zwischen größtmöglicher Offenheit, und größtmöglicher Lesbarkeit.

Was können wir als Nächstes von Dir lesen?

Ich arbeite an einer erweiterten Graphic Novel mit Emmie Arbel. Das Vorhaben habe ich sehr bald im Kopf gehabt, als wir begannen, miteinander zu sprechen. Es gibt noch so viel Wichtiges zu erzählen.

Barbara Yelin © Martin Friedrich

5 von 5 Comic-Denkblasen

Und hier gehts zu Barbaras Seite: https://www.barbarayelin.de/news 

Hier zum Verlag: https://www.chbeck.de/

Terminhinweis: Am 13. Oktober 2022 ist Barbara im Jüdischen Museum in Frankfurt am Main. Die Lesung dort beginnt um 19 Uhr. Mit dabei: Comic-Veranstalter und Moderator Jakob Hoffmann und Literaturwissenschaftler Hans-Joachim Hahn.
Anmeldung bitte über: besuch.jmf@stadt-frankfurt.de

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