Auf den Spuren des Phantom

Alfonz-Kollege Christian Blees hat eine Mammut-Aufgabe gestemmt. In seinem neuen Buch hat er sich mit der deutschen Veröffentlichungsgeschichte des Helden im violetten Anzug befasst. Er war sozusagen auf den Spuren des Phantom. Welcher Comic-Fan der 1970er und 1980er Jahre hat die Hefte des wandelnden Geistes damals nicht in den Händen gehabt? Und war immer wieder aufs Neue gespannt, welche Abenteuer Mr. Walker in seiner Totenkopf-Höhle erleben wird? Das eben erschienene Buch befasst sich konkret mit Lee Falks Phantom und enthält neben der Publikationshistorie auch alle deutschen Veröffentlichungen in einer übersichtlichen Liste. Im Email-Interview verrät uns Christian seine Beziehung zum Phantom – und warum die Comic-Redakteure von einst sich bei der Veröffentlichung der Abenteuer nicht mit Ruhm bekleckert haben.
Eine Doppelseite aus der neuen Veröffentlichung. ©2022 by Christian Blees
(Alex Jakubowski) Lieber Christian, im Vorwort zu Deinem Buch schreibst Du: die deutsche Veröffentlichungsgeschichte gleicht einem Trauerspiel. Warum?

(Christian Blees) Bei der Lektüre zeigt sich, dass die deutschen Bearbeitungen der unzähligen Phantom-Stories zum Großteil erschütternd waren. Oft wurden weite Teile der Handlung gestrichen, nicht selten in scheinbar separate Stories aufgeteilt. Zudem wurden einzelne Panels bzw. Sprechblasen derart retuschiert oder manipuliert, dass inhaltlich nicht selten völlig verfälschte Versionen entstanden. Darum bezeichne ich das Ganze als Trauerspiel.

Das Cover zum neuen Buch über Phantom. Erschienen in der Edition Alfons.
@2022 Christian Blees, ©dieser Buchausgabe 2022 by Edition Alfons
Wie bist Du bei der Arbeit vorgegangen. Da Du ja zugibst, selbst gar kein Phantom-Fan zu sein, musstest Du Dir ja vermutlich erst einmal die deutschen Veröffentlichungen besorgen. Wie bist Du vorgegangen? Wie schwierig war das?

Tja, ich besaß zunächst einmal kein einziges Phantom-Heft. Als Erstes kaufte ich dann über eBay Kleinanzeigen jene Ausgaben, in denen Stories von Zeichner Jim Aparo drin waren. Und als mir klar wurde, dass ich ein Buch schreiben würde, stand fest: Ich muss mir, soweit möglich, alles besorgen, was jemals auf Deutsch erschienen ist – und die Vorlagen aus den USA, Italien und Schweden noch dazu, um vergleichen zu können, was im Zuge der deutschen Bearbeitungen verändert wurde.

Also habe ich mir über alle möglichen Wege tatsächlich so gut wie alle deutschen Veröffentlichungen besorgt. Einzige Ausnahme: die INCOS-Bände, die mir in der Anschaffung zu teuer gewesen wären, die ich aber bei Fans einsehen konnte. Inklusive uralter Ausgaben des Fachmagazins Sprechblase.

Über Tradera (eine schwedische Verkaufs-Plattform) habe ich mir dann sämtliche schwedischen Original-Veröffentlichungen besorgt (bis auf eine), welche auf deutsch nachgedruckt wurden. Das waren etwa 150 Hefte. Vergleichsweise sogar recht günstig, da dort Hefte oft nur 50 Cent bis einen Euro kosten (bei 60er-Jahre-Heften auch schon mal mehr). Problematischer war es schließlich, an die italienischen Vorlagen heranzukommen. Von rund 90 Ausgaben konnte ich etwa zwei Drittel in Italien kaufen. Das Schlimmste waren hier die hohen Versandkosten (anders, als in Schweden): Bisweilen habe ich für ein Heft zwei Euro plus 20 Euro Versandkosten bezahlt!

Die US-Versionen wiederum bekam ich entweder über King Features, oder ich habe sie mir diese selbst in Form von HC-Sammelbänden gekauft oder auf (räusper) Internetquellen zugegriffen.

Detaillierte Veröffentlichungslisten finden sich natürlich auch im Buch.
@2022 Christian Blees, ©dieser Buchausgabe 2022 by Edition Alfons
Bei der Fülle des Materials: Wie sicher bist Du, dass es nicht doch noch Lücken gibt in Deiner Auflistung?

Ich kann sagen: Was die deutschsprachigen Veröffentlichungen anbelangt, ist das Buch komplett. Ich habe keine einzige unerwähnt gelassen. Das belegen die zahlreichen Checklisten. Wobei ich die aktuellen Ausgaben des Zauberstern-Verlags allerdings nicht mehr berücksichtigen konnte. Deren Hefte kamen nach Redaktionsschluss des Buches auf den Markt. Leider konnte mir der Verlag nicht rechtzeitig mitteilen, was an Veröffentlichungen geplant sein würde. Die aktuellen Wick-Ausgaben indes sind komplett erfasst, bis ins Jahr 2023 hinein.

Hast Du jetzt eine riesige Phantom-Sammlung? Oder können sich Sammler noch freuen, bei Dir lange gesuchte Schätze zu entdecken und abzukaufen?

Zum Glück (und überraschenderweise) ist es mir bereits gelungen, die komplette Sammlung an nur wenige Sammler zu verkaufen. Einer hat mir alle Bastei-Ausgaben abgekauft, ein anderer alle TB-Romane, zwei weitere die Aller-Verlag-Ausgaben. Insgesamt habe ich auf diese Weise zwar nur etwa ein Drittel des Geldes wieder eingenommen, das ich ursprünglich ausgegeben hatte, doch hat mir dies irre viel Aufwand und Zeit erspart. Die italienischen und schwedischen Ausgaben wiederum habe ich Thomas Opitz von den Bastei Freunden für ganz kleines Geld überlassen (das er mir von allein angeboten hatte, ich wollte sie ihm ursprünglich aus Dankbarkeit für seine Unterstützung schenken).

Auch italienische Ausgaben wurden als Quelle herangezogen.
Wie sehr ist Dir das Phantom bei Deiner Arbeit ans Herz gewachsen? Gibt es etwas, was Dich an der Figur so fasziniert, wie an Deinem Liebling Batman?

Ich muss einräumen: Selbst nach zwei Jahren intensiver Arbeit an Phantom fasziniert mich die Figur nach wie vor bei weitem nicht so sehr wie Batman. Dazu sind meine Kindheits-/Jugenderfahrungen als Batman-Leser schlicht zu prägend gewesen, um das jemals ausgleichen zu können! 🙂

Allerdings muss ich einräumen, dass die Idee, dem Phantom eine 400-jährige Historie anzudichten, plot-technisch schlicht genial ist. Denn dadurch ist das Potenzial an möglichen Plots quasi unendlich.

An wen richtet sich dieses Buch?

Believe it or not: Zunächst einmal an Phantom-Fans. Da ich das Ganze aber aus Sicht eines Nicht-Fans recherchiert und geschrieben habe, kam es mir auch darauf an, Comic-historische Hintergründe zu beleuchten. Insofern habe ich auch einiges über Verlags-Historien, Zeichner und Autoren eingearbeitet, das hierzulande kaum jemand zuvor gewusst haben dürfte. Oder z. B. auch über Comic-Zensur in Deutschland sowie die Arbeitsabläufe in den verschiedenen Redaktionen. Darum richtet sich das Buch ganz bewusst auch an normale Comic-Fans, die sich generell für Comic-Geschichte(n) interessieren.

Für Nostalgiker ein Genuss. Bastei-Eigenwerbung für die zweite Phantom-Taschenbuch-Reihe.
Was hat Dich bei der Arbeit an dem Buch besonders überrascht?

Dass über den Namensgeber des Martin Kelter Verlages absolut nichts bekannt ist. Und dass der Verlag deutlich früher gegründet wurde, als es die heutigen Verlagsinhaber selbst wussten, bevor ich mit meinen Recherche-Ergebnissen an sie herantrat. Zur Erläuterung: Im Kelter Verlag erschienen in den 1970er Jahren die Phantom-Romane, welche alle auf Comic-Vorlagen beruhten.

Hast Du eine Lieblings-Phantom-Geschichte? Wenn ja, warum diese?

Die allererste Phantom-Story, The Singh Brotherhood, hat mich auf Anhieb gepackt. Sie hat mehrere Plot-Twists und enthält auch viel Humor. Außerdem klärt Phantom Diana Palmer darin über seine Herkunft auf. Insgesamt – trotz aller Längen – sehr spannend erzählt und auch sehr gut gezeichnet. Leider ist diese bis heute nicht auf Deutsch erschienen – im Grunde eine Schande.

Gibt es bereits ein neues Buch-Projekt?

Ja, aber ich will noch nichts verraten. Mit der Edition Alfons ist es bereits fest vereinbart. Und die leeren Regal-Bretter, auf denen sich bis vor kurzem noch die Phantom-Ausgaben stapelten, beginnen sich bereits mit Recherche-Material zum neuen Thema zu füllen…

Portrait von Christian Blees, Journalist & Autor.
©Dirk Hasskarl

Mehr aus der Edition Alfons findet ihr hier: https://www.reddition.de/

Weitere Beiträge zu Büchern aus der Edition Alfons auch hier: https://comic-denkblase.de/?s=Edition+Alfons

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