Warten auf Corto – ein Zeichner erzählt

Nicht zuletzt Dank der Hommage Micky Maltese (https://comic-denkblase.de/micky-maltese-eine-hommageist Hugo Pratt derzeit bei Comic-Lesern äußerst en vogue. Der Verlag Schreiber & Leser bringt seit langem eine mustergültige Neuauflage der Werke Pratts heraus. Jetzt ist in der Edition Alfons mit Warten auf Corto eine Art Autobiografie erschienen, in der Hugo Pratt selbst über sein Leben erzählt. Herausgeber Volker Hamann (Alfonz – der Comicreporter, Reddition, Comic-Report) hat mit mir über die Entstehungsgeschichte und den Inhalt des Buches gesprochen. Und darüber, welche Rolle solche Art der Sekundärliteratur spielen kann.

Cover von „Warten auf Corto“ ©Cong S.A./Edition Alfons

(AJ) Wie kommt es zur Veröffentlichung in der Edition Alfons? Der Text wurde ja, wenn ich richtig verstanden habe, unter dem Titel „Sandflöhe“ schon mehrfach veröffentlicht und überarbeitet und ist auch auf Deutsch schon einmal erschienen?

(VH) Nein, die jetzt erfolgte Ausgabe in der Edition Alfons ist eine deutsche Erstveröffentlichung. Es stimmt aber, dass der Text in unterschiedlichen Versionen (und Sprachen) schon mehrfach publiziert wurde; zuerst 1971 in einer italienischen Ausgabe, dann 1986 und ein Jahr später in einer bearbeiteten französischen und wiederum italienischen Ausgabe und noch einmal 1996 in einer französischen Ausgabe mit umfangreichen Kommentaren, weiteren Fotos und bibliographischen Infos zu Hugo Pratt. Unsere Ausgabe folgt vom Umfang her dieser bisher letzten und besten Ausgabe, inhaltlich ist sie aber eine sehr originalgetreue Übersetzung der unbearbeiteten Erstausgabe von 1971.

Deutsche Erstveröffentlichung

Übersetzt hat sie aus dem Italienischen Dr. Peter Pohl, den einige Pratt-Leser vielleicht noch aus den 1980er und 1990er Jahren her kennen, als in der Edition Comicforum die ersten deutschen Ausgaben von Fort Wheelingund Die Wüstenskorpioneerschienen. Die hat der in Wien lebende Peter Pohl auch übersetzt.

Als langjähriger Pratt-Fan hat er sich dann irgendwann gedacht, es wäre auch Zeit für diese frühen Lebenserinnerungen des Corto Maltese-Schöpfers und hat sie während der letzten Jahre zunächst für sich selbst ins Deutsche übertragen. Als Peter Pohl dann unsere ersten Veröffentlichungen in der Reihe „Texte zur Graphischen Literatur“ gesehen hat, also das Serienporträt über die Robinson-Heftreihe von Detlef Lorenz und den ersten Teil der Publikationsgeschichte des Schwermetall-Magazins von Achim Schnurrer, da bot er uns seinen Text an.

Die beiden Reisenden. ©Cong S.A.

Warum lautet der Titel bei Euch: Warten auf Corto?

Die italienische Ausgabe von 1971 heißt „Le Pulci Penetranti“, also „Die Sandflöhe“ in der deutschen Übersetzung. Das ist eine Anspielung auf die Entstehungsgeschichte des Textes. Damals hat Hugo Pratt seinen Freund, den Comiczeichner Antonio de Rosa, in dessen Fiat Millecento auf einer Fahrt von Gerona nach Rabat begleitet. Sie sind also quer durch Spanien bis nach Marokko gefahren, wo es auch durch die Wüste ging. Die späteren Ausgaben in Italien und Frankreich haben dann den passenderen und stimmigeren Titel „Aspettando Corto“ bzw. „En attendant Corto“ erhalten, also Warten auf Corto.

Was ist das Besondere dieses Buches für Dich? Es sind ja Aufzeichnungen, die Pratt auf einer Reise auf Tonband gesprochen hat.

Der Text bietet die seltene Gelegenheit, einen Comiczeichner ziemlich privat oder direkt kennenzulernen. Das heisst man hört quasi Geschichten und Anekdoten aus dessen Kindheit, Jugend und den ersten Karrierejahren in seinen eigenen Worten. Normalerweise geschieht solch eine Aufarbeitung von Lebensphasen ja innerhalb von Interviews. Aber durch die Bearbeitung (auch durch Hugo Pratt selbst) war hier ein Text entstanden, der in einigen Werkverzeichnissen des italienischen Künstlers auch als „Roman“ auftaucht. Hugo Pratt war ein sehr fabulierfreudiger und phantasievoller Künstler. Da kann sich jeder ausrechnen, wie sehr der Autor seine Geschichten ausgeschmückt hat. Übersetzer Peter Pohl hat es außerdem mit der folgenden Beschreibung auf den Punkt gebracht: „Stell dir vor, du kommst zu später Stunde in eine verrauchte Kneipe, und da sitzt der selige Hugo in seiner ganzen Leibesfülle, schon ziemlich betrunken, lädt dich auf einen Schluck ein, haut dir auf die Schulter und beginnt zu erzählen …“

© Cong S.A.

Welchen Stellenwert haben die gezeigten Skizzen? Oft nackte Frauen, die aussehen, als hätte Pratt sie mit dem Filzstift skizziert?

Die Illustrationen entstanden für den ersten italienischen Nachdruck des Textes in den 1980er Jahren. Wer sich die Zeichnungen genauer anschaut, wird feststellen, dass sie anfangs noch mit Buchstaben versehen bzw. durchnummeriert sind. Sie bilden ziemlich genau das ab, wovon Pratt auch im Text erzählt. Erst nach ungefähr dreißig der insgesamt über sechzig enthaltenen Blätter beginnt Pratt, die Illustrationen sprunghafter und mit weniger Sorgfalt zu Papier zu bringen.

Illustrationen in bester Qualität

Er wird später aber auch noch einmal inspirierter und bringt sehr schöne Skizzen zustande. Ich kenne die genauen Umstände dazu nicht, vermute aber, dass Pratt ursprünglich vorhatte, seine Lebensgeschichte mit vollendeten Illustrationen und Personenporträts zu veröffentlichen. Später hat er vielleicht die Lust daran verloren. Für unsere Ausgabe haben wir übrigens tatsächlich sämtliche Vorlagen dieser Blätter in sehr guter Qualität zur Verfügung gestellt bekommen. Sie sind also in Warten auf Corto in der bestmöglichen Qualität zu sehen.

©Cong S.A.

Ich persönlich bin ja großer Fan von Comic-Sekundärliteratur und anderen Büchern, die Hintergründe über Zeichner und Autoren liefern. Welchen Stellenwert räumst Du dem Buch innerhalb der Comicszene ein?

Naja, ich würde das jetzt nicht überbewerten, aber wie ich schon sagte, bietet das Buch eine der seltenen Gelegenheiten, einen berühmten Zeichner in seinen eigenen Worten zu „erleben“. Und wenn man sich für Hugo Pratt und seine Comics wie Corto Maltese oder Die Wüstenskorpione interessiert, dann ist der Mehrwert für den Leser schon sehr hoch.

Zeichner erzählt selbst

Allzu viele Gelegenheiten, solch einen Einblick in das Schaffen anderer Zeichner zu erhalten, gibt es leider nicht. Wenn ja, wie etwa bei André Franquin, Hergé, Osamu Tezuka oder Moebius, dann werden diese (Auto-)Biographien entweder gekürzt oder gar nicht in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Da ich solche Bücher und Texte auch sehr mag, veröffentliche ich ja überhaupt Sekundärliteratur über Comics. Sie enthalten neben einem spannenden Einblick ins Leben eines kreativen Menschen auch Hintergründe über die Comics, die ich gerne lese.

Pratt beim Klettern in Patagonien ©Cong S.A.

Wird es ähnliche Bücher in Eurer Reihe geben?

Ganz bestimmt, wenn es wie bei Warten auf Corto erneut eine Gelegenheit gibt, dass Übersetzung oder Zustandekommen eines Textes unter günstigen und nicht zu kostspieligen Voraussetzungen erfolgen und die Rechte daran geklärt werden können. Zunächst ist aber der zweite Teil von Achim Schnurrers Magazinhistorie über Schwermetall geplant, und vielleicht gibt es auch einen Band über das kultige Kobra-Magazin.

Vielen Dank!

5 von 5 Comic-Denkblasen

Angaben zum Buch: Warten auf Corto. Autor: Hugo Pratt. Übersetzung aus dem Italienischen von Peter Pohl. Softcover, 160 Seiten. Mit einer Bibliographie der Comics, erstellt von Volker Hamann. Texte zur Graphischen Literatur, Edition Alfons 2019. 19,95€

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere