Phantasmen – die Geister, die ich rief…

Mystisch trifft es am Besten. Denn es ist dunkel und rätselhaft – das Ergebnis der erneuten Zusammenarbeit von Comic-Zeichner Jurek Malottke und Bestseller-Autor Kai Meyer. Phantasmen – die Geister, die ich rief, könnte man sagen. Denn der eben bei Splitter veröffentlichte Band dreht sich vor allem um das Leben nach dem Tod. Um durchsichtige Wesen, Geister eben, die in einer apokalyptischen Welt ihr Unwesen treiben. Und die die Hauptfiguren der Geschichte auf einem rasanten Road-Trip begleiten. Eine Herausforderung für Jurek Malottke, der die Aufgabe mit einer ganz eigenen Art zu zeichnen angenommen hat. 

Der Blick – es geht um den Blick… © 2022 Splitter/Kai Meyer/Jurek Malottke

Bereits zum zweiten Mal arbeiten Jurek Malottke und Kai Meyer zusammen. 2018 veröffentlichten sie die Comic-Adaption der Kurzgeschichte Das Fleisch der Vielen. Wie Phantasmen ist diese Geschichte auch dem Horror-Genre zuzuschreiben. Schon damals zeigte Zeichner Malottke, dass er einen eigenen Stil besitzt, der das Metaphysische, das in beiden Geschichten zum Thema gemacht wurde, besonders gut zur Geltung bringt.

Horror in Dunkel

Bei Phantasmen hat er seinen Stil weiterentwickelt. Im Prinzip kommen alle Figuren völlig ohne Konturen aus. Was bei der Kurzgeschichte vor rund vier Jahren schon in Ansätzen zu sehen war, hat der Zeichner hier perfektioniert. Farbflächen gehen übergangslos ineinander über. Malottke spielt mit Schatten und Lichteffekten. Dass der Comic in weiten Teilen recht düster daher kommt, ist dem Thema geschuldet. Oder stellt sich jemand die Apokalypse in hellen, frohen Farben vor? 

Das Cover von Phantasmen. © 2022 Splitter/Kai Meyer/Jurek Malottke

Hauptfiguren sind die Schwestern Rain und Emma. Sie machen sich auf den Weg zu Europas einziger Wüste, zur Desierto de Tabernas in Südspanien. Vor drei Jahren sind ihre Eltern dort mit einem Flugzeug abgestürzt. Alle 94 Menschen an Bord kamen ums Leben – vermutlich bei einem Anschlag. 18 Monate später erscheinen die ersten Geister. Überall auf der Welt. 

Mysteriöse Geschichte

Aber sind wirklich alle Insassen gestorben? Waren die Eltern von Rain und Emma wirklich unter den Opfern? Oder steckt hinter dem Flugzeugabsturz möglicherweise etwas ganz anderes? Ein geheimes Versuchsprojekt vielleicht? Und welche Rolle spielt Tyler, den die beiden Schwestern an der Absturzstelle kennenlernen?  Und der sie für den Rest der Geschichte begleitet. Aber vor allem: Warum wird es gefährlich, wenn die Geister anfangen zu lächeln?

Die Geschichte ist ein Road-Movie. © 2022 Splitter/Kai Meyer/Jurek Malottke

Das Buch liest sich nicht so eben nebenbei. Und das liegt nicht nur an der Entwicklung des Plots. Zwar bin ich grundsätzlich immer ein Freund davon, einen zweiten oder dritten Blick auf die Zeichnungen zu werfen. Allerdings fällt es mir hier manchmal schwer, zu erkennen, was genau im Panel gezeigt wird. So sehr die Idee sympathisch ist, ohne Konturen zu zeichnen, um etwas Neues zu kreieren – so sehr beansprucht das Werk aber auch seine Leser.

Ein Comic für Fortgeschrittene

Das hemmt den Lesefluss leider manchmal und stellenweise stört mich auch der Kontrast zwischen den hellen Sprechblasen und den dunklen Zeichnungen. Vor allem dann, wenn es sich um besonders Text-lastige Passagen handelt. Deshalb würde ich das Buch niemandem empfehlen, der erst wenige Comics gelesen hat.

Vor rund vier Jahren ist Das Fleisch der Vielen veröffentlicht worden. © 2018 Splitter Verlag/Kai Meyer/Jurek Malottke

Kai Meyer schreibt im Anhang der Veröffentlichung: „(…) der Comic bringt die Geschichte so nah an einen Film, wie es wohl gerade eben möglich ist, ohne mit Schauspielern und Kamerateam nach Almeria aufzubrechen. (…) Es ist die wahre Kunst des grafischen Erzählens, (…) Gefühle glaubhaft zu transportieren. (…) Geister, Action und die Weite der Landschaft werden in solchen Augenblicken zum Beiwerk, hier ist die Geschichte ganz auf ihre Emotionen reduziert, und die Menschen erwachen zum Leben.“

Freiheit stachelt an

Zwei Jahre lang hat Jurek Malottke genau daran gearbeitet. Er hat den Roman nicht nur adaptiert. Er hat etwas Neues geschaffen. Kai Meyer hat ihm da größtmögliche Freiheit gelassen. „Ich weiß, dass Kai mir sehr vertraut. Allerdings stachelt mich das immer wieder dazu an, neue Dinge auszuprobieren und dadurch Risiken einzugehen“, so Jurek in einem Interview, das ich mit ihm vor einer Weile für einen Artikel im Alfonz (01/2022) geführt habe.

Die Geister sind überall… © 2022 Splitter/Kai Meyer/Jurek Malottke

Experiment gelungen, Patient nicht tot. Er schwebt als Geist umher… Nein im Ernst: Phantasmen ist ein überdurchschnittliches Werk. Ein Buch aber, das Zeit braucht, um zu wirken. Und einen Leser, der Lust hat, sich darauf einzulassen. Dann aber entdeckt er eine Graphic Novel, die zeigt, was der Comic heute kann. Gut, dass der Splitter-Verlag an seiner Strategie festhält, jungen deutschen Zeichnern die Möglichkeit zu geben, sich zu entfalten. 

4 von 5 Comic-Denkblasen

Angaben zum Buch: Phantasmen. Text: Kai Meyer. Zeichnungen: Jurek Malottke. Hardcover, farbig. 240 Seiten. Splitter-Verlag. 35,-€

Hier gehts zum Verlag: https://www.splitter-verlag.de/

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