Goethe, Comics und Indien…

Wer hätte gedacht, dass mich meine Begeisterung für Comics einmal nach Indien führen würde? Das Goethe-Institut hat mich dorthin geschickt. Zum Kerala Literature Festival in Kozhikode (Calicut), um dort über das Projekt Graphic Passagestranslating german graphic novels / comics into south asian languages zu reden. Es sollen deutsche Comics übersetzt werden in die verschiedensten südasiatischen Sprachen. Nachdem ich eine Liste mit deutschen Comics erstellt habe, die für die Übersetzung in Frage kommen, war ich jetzt also für fünf Tage in Indien. Ich sag es mal vorneweg: Eine wahnsinnig faszinierende Reise. Ein Erlebnis, das ich so schnell nicht vergessen werde.
Beim Kerala Literature Festival.

Irgendwie passiert, was passieren muss… Es ist bereits der dritte Festival-Tag für mich. In einer guten Stunde soll ich gemeinsam mit Ikroop Sandhu, einer indischen Professorin, Tanmoy, einem Zeichner aus Bangladesch und Aniceto Pereira, dem Veranstalter des Indie Comix Fest über unser Projekt reden. Ich bin bereits um Viertel nach neun mit dem Shuttle vom Hotel zum Festival-Gelände am Strand (Ja, das Festival ist am Strand!) gefahren und versuche, ein bisschen zu entspannen. Der Lärm um mich herum macht mir ehrlich gesagt etwas zu schaffen.

Jetzt geht’s los

„Hurry up, we have to go.“ Ich gucke von meinem Handy hoch und sehe eine aufgeregte indische Mitarbeiterin des Festivals. „Warum die Eile“, frage ich zurück, „Wir haben doch noch eine Stunde Zeit, unser Talk ist doch erst um 11 Uhr.“ Nein, nein, antwortet sie mir. Die Veranstaltung ist bereits um zehn. Ein Blick auf die App belegt: Wir sind gleich dran. Ich könnte schwören, gestern Abend stand da noch eine andere Zeit.

Immer alles im Griff?

Im Gehen schreibe ich in unsere Whatsapp-Gruppe, dass der Talk vorverlegt sei. „Goddamn“, kommt es zurück. Die anderen sind noch im Hotel. Mit dem Auto dauert es bestimmt 15 Minuten. Inzwischen hat mich meine indische Begleitung durch die Massen manövriert und wir sind beim Zelt angekommen. Es sind schon rund 100 Zuschauer da. Mir wird langsam etwas mulmig. Ulla Wester, meine Ansprechpartnerin vom Goethe-Institut schreibt in die Gruppe: Wir kommen.

Talk? In English please…

„Could you please open your session?“, bittet mich die indische Mitarbeiterin des Festivals freundlich, aber bestimmt. Ich gucke sie etwas ungläubig an und sage: „Alleine? Echt jetzt?“ Ich habe noch nie vor 100 Leuten auf Englisch einen Vortrag gehalten, schon gar nicht unvorbereitet. Aber was ist die Alternative? Ich kann die Menschen jetzt ja nicht im Stich lassen. Also: Es hilft nix. Rauf auf die Bühne und erstmal Zeit überbrücken.

Stress? Kein Thema! Danke, Ikroop, Tanmoy und Aniceto.

Nach zehn Minuten, in denen ich über mich und meine Rolle beim Projekt berichtet habe, bin ich etwas ratlos und bitte das Publikum, Fragen zu stellen – was die dann auch prompt tun. Und als ich so die dritte oder vierte fachkundige Frage nach der deutschen Comic-Landschaft beantwortet habe, sehe ich, wie Ancieto angerannt kommt. Der Arme – es sind 30 Grad in Kozhikode – und heute ist es besonders drückend. Nach weiteren fünf Minuten sind Ikroop und Tanmoy schließlich auch da. Und wir können unseren Talk endlich wie geplant beginnen. Puh… erst einmal durchatmen.

Alles ganz entspannt hier

Was in Deutschland eine mittlere Katastrophe wäre, fügt sich in Indien in die aus unserer Perspektive leicht chaotische Gesamtumgebung ein. Das Gute daran: Niemand nimmt uns das Debakel übel. Kommunikationsproblem – was solls. Am Ende funktioniert der Talk ja. Und anscheinend ist auch meine Allein-Performance ganz zufriedenstellend. Jedenfalls bescheinigen mir das am Ende der Session einige sehr freundliche Comic-Liebhaber aus Indien. Ich muss sogar Autogramme geben. Wahnsinn.

Die Fantastischen Vier.

Überhaupt: Indien ist so anders. Die Lautstärke habe ich schon angesprochen. Ein nie aufhörendes Gehupe. Jedes Taxi, jedes Tuktuk drückt drauf. In den Zelten dröhnen die Klimaanlagen und die Beschallung wird auf Anschlag gedreht. Auch wenn der halbe Pegel völlig ausreichen würde. Und dann sind da noch all die Fotografen, die sich vor allem um die deutschen Gäste und die großen Stars kümmern. Gefühlt sind immer drei Fotografen um mich herum.

Lärm und Leute

Auch das Festival an sich ist anders. Weniger Business, mehr Leidenschaft. Überall reden Autoren über ihre Passion. Auf dem gesamten Gelände begegne ich gut gelaunten, interessierten und fachkundigen Menschen. Rund 500.000 Besucher kommen laut Veranstalter während der vier Tage aufs Gelände. Und natürlich geht es nicht nur um Comics. Sunita Williams etwa ist hier, die amerikanische Astronautin. Oder Abdulrazak Gurnah, der Literaturnobelpreisträger, und auf deutscher Seite Ingo Schulze, mit dem ich beim Empfang des Konsuls auf dem Hoteldach des Gokulam Grand gemeinsam ein Bier trinke.

Mit Ingo Schulze auf der Dachterrasse.

Im Deutschen Pavillon habe ich am Festival-Freitag mit Ikroop über die vielfältige deutsche Comic-Szene gesprochen. Sie ist selbst Zeichnerin, unterrichtet aber auch. Ihre Fragen machen Spaß, sie ist sehr gut vorbereitet. Unser Gespräch ist locker, auf Augenhöhe – und das obwohl ich bisher mit der indischen Szene so wenig Berührung hatte, wie sie mit der deutschen. Aber Ikroop ist total interessiert, und stellt manchmal auch überraschende Fragen. Dass gerade deutsche Comics aber hier im Mittelpunkt stehen, ist ganz und gar nicht überraschend.

Deutsche Comics im Focus

Denn Deutschland ist Gastland beim diesjährigen Kerala Literature Festival – steht also im Focus. Und so lockt auch unsere Veranstaltung die Besucher an. Volles Haus im German Pavillion. Ein aus Bambus errichtetes zeltartiges Gebäude, das nach dem Festival wieder abgebaut und anderweitig genutzt werden soll. Während wir über Comics reden, werden im Eingangsbereich Workshops angeboten – Reibekuchen gebacken. Irgendwie cool. Die indischen Besucher haben Spaß – bei uns und beim Kochen.

Mit Sarnath Banerjee – der Comic-Star in Indien.

Aber natürlich stehen für mich die Comic-Themen im Vordergrund. Ikroop stellt mir am zweiten Tag Sarnath Banerjee vor. Der indische Zeichner ist in seinem Heimatland ein Star. Im vergangenen Jahr hat er auf der Berlin Berlinale für zeitgenössische Kunst eine Multimedia-Installation entwickelt, mit dem Titel Critical Imagination Deficit. Seit 2004, als er seine Graphic Novel Corridor veröffentlicht hat, wird er als wichtigster Comicbuchautor Indiens angesehen.

Indischer Comic-Star

Einen Tag später schreibt mir Sarnaht bei Instagram. Er wolle mir sein neuestes Buch zukommen lassen. Ob ich denn jetzt auch in Kalkutta sei, auf einer Buchmesse. Aber natürlich bin ich noch beim Kerala Literature Festival, so daß ein Treffen schwierig wird. Keine Sorge, meint Sarnath nur, das Buch werde den Weg zu mir schon finden – meine Adresse brauche er nicht. Am nächsten Tag steht eine Mitarbeiterin vor mir und drückt mir den Comic in die Hand. Wie sie mich im Gewimmel gefunden hat? Keine Ahnung.

Ganz schön voll hier…

Und so könnte ich viele andere Geschichten erzählen, die ich in den vier Tagen auf dem Festival erlebt habe. Auf dem ich eingetaucht bin in eine völlig neue Welt. In der es mindestens genauso viele Comic-Enthusiasten gibt wie bei uns. Und viele, viele Comic-Zeichner, die uns spannende Einblicke geben könnten, wenn sie denn bei uns erscheinen würden.

Graphic Passages – umgekehrt

Was zu einem von mir unerwarteten Effekt des Projekts führen könnte. Denn warum sollen nur deutsche Comics in die Länder im Süden Asiens getragen werden? Umgekehrt könnten ja auch Comics aus Bangladesch, Indien oder Pakistan ins Deutsche übertragen und bei uns veröffentlicht werden. Hier könnt Ihr demnächst zumindest Comics aus Bangladesch entdecken. Denn ich werde Euch die Arbeiten von Tanmoy vorstellen. Freut Euch drauf.

Gruppenbild mit Damen – und unbekannten Indern…

Hier geht’s zum Projekt des Goethe-Instituts: Graphic Passages

Und hier zur Festival-Seite: KLF 2026

Ein großes Danke an die Goethe-Institute in Neu-Delhi und in Bangalore. Namentlich an Ayesha Ak, Pryam Gupta, Michael Heinst sowie Ulla Wester (hoffentlich habe ich niemanden vergessen) und natürlich an meine neuen Comic-Freunde und Mitstreiter auf den Podien: Aniceto, Ikroop und Tanmoy.
Und anke-kuhl aus Frankfurt war auch dabei!

Copyright der Fotos: Alex Jakubowski 2026

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