Die Comic-Szene bringt immer wieder Bücher hervor, in denen sich Enthusiasten jahrelang mit einem speziellen Thema oder einem bestimmten Zeichner auseinandersetzen. Einer dieser Enthusiasten ist Sebastian Otten. Sein neuestes Buch schließt seine jahrelange Arbeit über den Zeichner Michael Goetze ab. Schon vor ein paar Jahren hat Sebastian den ersten Band zu diesem Zeichner vorgelegt. Eben gerade kam Band 2 aus der Druckerei. Grund genug, um mit ihm über sein Projekt zu sprechen: Die phantastischen Comic-Welten des Michael Goetze.

© Sebastian Otten/Edition Comicgraphie
Lieber Sebastian, erst einmal herzlichen Glückwunsch. Du hast mit Band 2 Deiner Michael Goetze-Werkschau ein Mega-Projekt beendet. Wie fühlt es sich an?
Vielen Dank für die Glückwünsche. In der Tat bin ich sehr erleichtert, dass ich das Projekt erfolgreich zum Abschluss bringen konnte.
Wieviele Jahre hast Du letztlich an den beiden Büchern gearbeitet?
Das ist schwer zu beantworten. Angefangen hat alles mit einer privaten Excel-Tabelle, in die ich alle Comics von Michael Goetze eingetragen hatte. In dieser Liste hatte ich zunächst die Comics, die sich in meiner eigenen Sammlung befanden. Das muss etwa 15 Jahre her sein. Ich verglich die Tabelle anschließend mit verschiedenen Checklisten, die ich aus Fachmagazinen herausgesucht hatte, wie beispielsweise Die Sprechblase und Rraah!. Besonders hilfreich waren auch die Daten beim comicguide.
Dabei merkte ich sehr schnell, wie lückenhaft diese Auflistungen waren und wie wenig eigentlich über das Gesamtwerk von Michael Goetze bekannt war. Um nicht den Überblick zu verlieren, begann ich damit, die Ergebnisse meiner Suche nach und nach niederzuschreiben.

© Sebastian Otten/Edition Comicgraphie
Wie bist Du bei Deiner Recherche vorgegangen?
Es war mir von Anfang an klar, dass ich eine solche Werkschau nur glaubhaft zusammenstellen kann, wenn ich die Comics auch selbst habe. Über etwas zu schreiben, das ich nicht überprüfen kann, ist nicht fundiert genug. Daher habe ich meine Sammlung nach und nach aufgebaut. Am Anfang habe ich vor allem bei ebay den Namen „Michael Goetze“ eingegeben und bin dann die Suchanzeigen durchgegangen. Als ich genug Daten zusammengetragen hatte, konnte ich gezielt nach Serien bei großen Fachhändlern suchen.
Der Name Michael Goetze dürfte vielen Comic-Fans nicht wirklich ein Begriff sein. Die Serien, die er geschrieben und gezeichnet hat, aber schon. Magst Du mal die wichtigsten nennen?
Vor allem in den ersten Jahren seiner Karriere hat er für den Tessloff- und den Condor-Verlag viele bekannte Serien betreut, Comics gezeichnet und Illustrationen erstellt wie zum Beispiel Familie Feuerstein, Sesamstraße, Winnetou und Old Shatterhand und Masters of the Universe. Beim Carlsen-Verlag erschien dann ab 1988 mit Das Robot-Imperium der erste deutsche Computer-Comic, was angesichts der beschränkten technischen Möglichkeiten wirklich eine Pionier-Leistung darstellte. Am bekanntesten ist vielleicht sein eigenes Magazin Voltfeder, das ab 1979 mit insgesamt acht Ausgaben im Eigenverlag erschien. Darin konnte er sich an ein erwachsenes Publikum richten und verschiedene Stile ausprobieren.

stammen aus seiner Feder.
© Michael Goetze
Wie bist Du auf die Idee gekommen, gerade über ihn so ein fundiertes Werk zu erstellen. Das hat mit Comics Deiner Kindheit zu tun, richtig?
Als ich etwa zehn Jahre alt war, bekam ich ein Abo von dem Was-ist-Was-Magazin. In diesem waren in jeder Ausgabe Kurzgeschichten von Michael Goetze abgedruckt, die mich damals unglaublich begeistert haben. Es ist eine wahre Kunst auf zwei Seiten.
Mehr als 50 Jahre lang hat Goetze gearbeitet. Wie schwer ist es, all sein Schaffen zusammenzutragen?
Wenn man die beiden Bücher über ihn liest, fällt es vielleicht gar nicht so auf, dass es eine Aufgabe war, die mich an den Rand der Verzweiflung gebracht hat.
Du schreibst selbst in Deinen Büchern, dass Du nicht alles finden und recherchieren konntest. Warum hast Du ihn nicht selbst kontaktiert?
In der Tat hatte ich zweimal Kontakt zu ihm aufgenommen. Beim ersten mal hatte ich ihm meine Excel-Tabelle zugeschickt und nach Ergänzungen gefragt. Die Antwort war, dass ihm gar nicht bewusst gewesen sei, dass er so viele Comics veröffentlicht hatte. Jahre später als das Manuskript zum ersten Buch nahezu abgeschlossen war, hatte ich ihn angerufen. Er war auch gleich selbst am Apparat und klang auch sehr freundlich. Nachdem ich mich vorgestellt hatte und von dem Buch erzählte, fragte ich natürlich, ob ich mich mit ihm einmal treffen könnte.

© Sebastian Otten/Edition Comicgraphie
Allein wenn man Deine Bücher durchblättert, fällt einem die enorme Vielfalt der Themen und Genres auf, für die Goetze gearbeitet hat. Gibt es in Deinen Augen jemand vergleichbaren?
Aktuell gibt es meiner Meinung nach nur einen einzigen, der eine so große Bandbreite aufweist, und zwar Jürgen „Geier“ Speh, der vom Tierfunny bis zum Realismus in verschiedenen Stilen arbeiten kann.
So intensiv, wie Du Dich mit ihm beschäftigt hast – was hat Dich am meisten überrascht?
Ich war wirklich sehr überrascht, wie breit er aufgestellt ist, von illustrierten Kinderbüchern, über Comics für die Bravo, das Käpt´n Blaubär-Magazin bis hin zu modern erzählten Science Fiction Comics ist fast jedes Genre in unterschiedlichen Stilen vertreten, aber – das ist besonders erstaunlich – immer ist den Zeichnungen etwas Goetze-typisches anzusehen.
Zwei Dinge sind noch bemerkenswert: Goetze selbst ist trotz seines enormen Schaffensdrangs vom breiten Publikum nie so wahrgenommen worden wie er es verdient hätte. Keine einzige Auszeichnung oder eine Ausstellung bei einem Festival machen mich nachdenklich. Zum anderen ist er ein absoluter Pionier: Als die meisten den Computer noch als Spielekonsole wahrgenommen haben, hat er bereits Mitte der 1980er Jahre damit begonnen, seine Geschichten mit selbst entwickelten 3D-Programmen umzusetzen.

© Sebastian Otten/Edition Comicgraphie
Welchen Comic von Goetze sollte man auf jeden Fall gelesen haben?
Da er sehr viel mit Figuren gearbeitet hat, die nicht vom ihm erdacht worden sind, wie zum Beispiel in den letzten Jahren Nick, Falk oder Tibor, kann ich jedem Sammler die Comics ans Herz legen, die von ihm persönlich stammen. Dazu gehören natürlich seine Voltfeder-Hefte, aber auch die beiden Serien Die Zeitmaschine und Remo.
Du hast in der Edition Comicographie veröffentlicht, dem Verlag, den Du gemeinsam mit Gerald Berse gegründet hast. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das Interesse an Sekundärbüchern im Comic-Bereich überschaubar ist. Was treibt Dich dennoch an?
Es ist die Neugierde, Informationen zu sammeln und letztlich auch für die Zukunft zusammenzufassen. Gerade vor einigen Wochen ist ein befreundeter Sammler verstorben, der nicht nur über eine große Sammlung, sondern auch ein riesiges Fachwissen verfügte. Er hat zwar einige Fachartikel zu seinen Lebzeiten verfasst, aber sein Wissen ist im Übrigen für die Sammler ein für allemal verloren. Dem möchte ich einfach entgegenwirken.

© Michael Goetze
Nach so einem gewaltigen Projekt: Ist jetzt erstmal faulenzen und Comics lesen zur Entspannung angesagt – oder arbeitest Du etwa schon am nächsten Buch?
In der Tat habe ich schon mit einem neuen Buch begonnen. Irgendwie konnte ich meinem inneren Zwang nicht widerstehen, etwas Neues zu erschließen und mich einfach an die Arbeit gemacht.
Was können wir von Dir erwarten? Und wann?
Gerade die deutschsprachige Comicproduktion ist mir ein großes Anliegen, vor allem die Bereiche, die in der Vergangenheit wenig Aufmerksamkeit erregten, sowohl in der Fachpresse als auch in der Forschung. Mein Augenmerk gilt vor allem der sehr vielfältigen Szene, die sich vom Ende der 1970er bis Anfang der 1980er bildete, vielfältig ist und eine Menge an interessanten Magazinen hervorgebracht hat, die in Eigeninitiative entstanden und ein Karrieresprungbrett für eine Menge Künstlerinnen und Künstler war.
Da das Thema sehr umfangreich ist, schwebt mir eine Art Schriftenreihe vor, die sich damit auseinandersetzt. Aktuell habe ich mit einem ersten Kapitel begonnen, das sich mit dem Magazin Menschenblut beschäftigt und in die Gegenwart reichen soll. Die Bundesprüfstelle hat mir dazu schon die Indizierungsentscheidung aus den 1980er Jahren zur Verfügung gestellt und es gibt sehr viel Neues bei dem Thema zu entdecken. Wann der erste Band fertig sein wird, kann ich zur Zeit beim besten Willen nicht beantworten, da ich beruflich sehr eingespannt bin.

Originalzeichnung des Covers von Band 2.
© Foto: privat
Angaben zum Buch: Die phantastischen Comic-Welten des Michael Goetze, Teil 2. Die Rückkehr des Abenteurers | Herausgeber: Sebastian Otten | Hardcover | 150 Seiten | farbig | limitierte Auflage | 39,80 €
Ein älteres Interview mit Sebastian und Gerald Berse findet sich auch bei meinen Freunden vom Alfonz: Edition Comicographie
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