Celestia – ein Ort der Träume

Geheimnisvoll, dystopisch, wunderbar gezeichnet. Die neue Graphic Novel des Italieners Manuele Fior ist ein fesselndes Buch. Voller Andeutungen, aber auch mit einigen Sackgassen. Celestia – ein Ort der Träume – eine Science-Fiction-Variante von Venedig – auf jeden Fall voller Verwirrung und Hoffnung. Sieht so die Zukunft der Menschheit aus?

Kriminelle überall… ©für die deutsche Ausgabe, avant-verlag GmbH 2021

Das weiß-blaue Cover macht einen harmlosen Eindruck. Die Figuren scheinen zu schweben, umgeben von Wolken waten sie durch Pfützen. Die Gesichter sind merkwürdig ausdruckslos. Das Spiegelbild scheint nicht ganz zu passen. Wer ist der Mann mit der geschminkten Träne im Gesicht? Ist es überhaupt ein Mann? Und wer ist seine Begleiterin?

Fragen über Fragen

Was zumindest auf dem Cover noch Fragen aufwirft, wird ein paar Seiten später eindeutig beantwortet. Pierrot ist ein Mann – der Name sicherlich kein Zufall. Pierrot – der traurige Clown. Die Frau heißt Dora. Ist sie Pierrots Freundin? Oder nur eine Freundin?


Cover von Celestia ©für die deutsche Ausgabe, avant-verlag GmbH 2021

Die beiden jedenfalls sind die Hauptfiguren von Celestia. Eine Inselstadt, vor über tausend Jahren auf dem Wasser erbaut. Ein merkwürdiger Ort. Keiner, der besonders einladend wirkt. Kriminelle tummeln sich dort, der Ton ist rau. Dora und Pierrot gehören zwar nicht zu den Bösewichten. Sympathisch wirkt Pierrot dennoch nicht. Er ist ein Telepath, genauso wie Dora.

Die Macht der Gedanken

Als die beiden von der Insel fliehen, entdecken sie auf dem Festland eine völlig unbekannte Welt. Mit Kindern, die durch Gedanken Dinge verändern. Mit Erwachsenen, die sich an nichts mehr erinnern können. Und  mit geheimnisvollen Häusern und hochmodernen Autos. Science-Fiction in einer untergegangenen Zivilisation.

Sieht so die Zukunft aus? ©für die deutsche Ausgabe, avant-verlag GmbH 2021

Dora und Pierrot verändern sich dort. Bekommen einen liebevollen Gesichtsausdruck. Gehen anders miteinander um. Die Gewalt, die noch in Celestia vorherrscht, ist in der „alten Welt“ verschwunden. Alles wirkt harmonischer, ruhiger, gefühlvoller.

Realität oder Fiktion

Doch die beiden kehren nach Celestia zurück. Warum nur? Sie könnten doch einfach bleiben und das Leben genießen? Stattdessen erfahren sie erneut Gewalt, leben in Angst, verändern sich wieder. Oder ist doch alles nur ein Traum? Ein Hirngespinst? 

Dora ©für die deutsche Ausgabe, avant-verlag GmbH 2021

Die Geschichte lässt vieles im Ungefähren. Manuele Fiore spielt mit Andeutungen. Er lässt Raum für Interpretationen. Für meinen Geschmack etwas zu viel. So sehr ich mystische Plots mag – hier wäre ein wenig mehr Führung gut. Wo endet der Erzählstrang? Was wird aus Pierrot und Dora? Haben die beiden eine gemeinsame Zukunft? Fiore lässt das alles offen.

Schwächen im Plot – Stärken in der Zeichnung

So muss ich mich mehr auf die Zeichnungen konzentrieren. Die Aquarell-artigen Bilder lassen die Schwächen im Plot schnell vergessen. Die fratzenhaften Gesichter zu Beginn, die lieblichen Ausdrücke im Mittelteil – der Italiener schafft es gut, die wechselhafte Stimmung seiner Protagonisten zu Papier zu bringen.

Masken gehören in Venedig, pardon Celestia, dazu…
© für die deutsche Ausgabe, avant-verlag GmbH 2021

Anders als in seiner schwarzweißen Erzählung „Die Übertragung“ (2013), setzt er hier gezielt Farben ein. Wer das Buch durchblättert sieht, wie sich auch die Farbigkeit im Laufe der Erzählung verändert und auch so die wechselnde Stimmung transportiert wird.

Nehmen und lesen…

Und so sollte man sich drauf einlassen. Das Buch vielleicht mehrfach in die Hand nehmen und lesen. Um bestimmte Hinweise besser zu verstehen und noch mehr Anspielungen zu entdecken. Oder ist das am Ende gar nicht gewollt? Wer weiß das schon so genau?

4 von 5 Comic-Denkblasen

Angaben zum Buch: Celestia. Text & Zeichnungen: Manuele Fior. Übersetzung aus dem Italienischen: Myriam Alfano. Hardcover, farbig, 274 Seiten. Avant-Verlag. 29,-€

Hier geht es zum Verlag: https://www.avant-verlag.de/

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