Unveröffentlicht: Comic-Zeichner packen aus

In der LUDWIGGALERIE im Schloß Oberhausen werden Schätze ausgestellt. Versteckte Schätze, die lange in Schubladen vergraben waren – niemand sollte sie jemals zu Gesicht bekommen. Und doch hängen sie jetzt schön gerahmt an den Wänden der Galerie. Mehr als 50 Zeichner*innen haben fast 500 ihrer Blätter hervorgeholt. Zusammengestellt ergeben sie die Ausstellung „Unveröffentlicht: Comic-Zeichner packen aus.“ Eine äußerst sehenswerte Schau, die bei einigen Zeichner*innen unbekannte Seiten entdecken lässt. Ein bei der Edition Alfons erschienener kompakter Katalog ergänzt die Schau. Ich habe mit Kuratorin Linda Schmitz ein Interview zur Ausstellung geführt.

Tom Bunk, Tower of Life, 2001 © Tom Bunk
(Alex Jakubowski): Liebe Linda, für diejenigen, die den Katalog noch nicht lesen oder die Ausstellung besuchen konnten: Wie kommt es zu dem Projekt?

(Linda Schmitz): In den Prozess der Ideenfindung war ich nicht involviert, da es sich hierbei um einen lockeren Facebook-Austausch zwischen Ralf Marczinczik und Norbert Höveler handelte. Ralf Marczinczik kam dann 2018 auf die LUDWIGGALERIE zu und hat uns diese Idee vorgestellt. Wir haben darüber gesprochen, dass fast jede Zeichnerin und fast jeder Zeichner (aus verschiedensten Gründen) unveröffentlichte Zeichnungen in der Schublade hat. Bei den Recherchen fiel schnell auf, dass viele ungesehene Schätze dabei sind und Blätter von denen man sofort denkt „Was? Das kann doch nicht sein!“. 

Cover des Ausstellungskatalogs. Sheree Domingo, Unveröffentlicht, 2020 © Sheree Domingo
Was erwartet die Besucher*innen der Ausstellung?

Die Besucher*innen erwartet eine sehr umfassende Schau, die einige Punkte der deutschsprachigen Comicgeschichte aufgreift und einen Einblick in die aktuell arbeitende Comicszene gibt. Natürlich nicht enzyklopädisch und auf keinen Fall mit Anspruch auf Vollständigkeit – aber in anschaulichen Auszügen. Man kann unterschiedliche Zeichenstile entdecken und wird von der Vielfalt der bearbeiteten Themen und Inhalte begeistert sein. 

Wie wurden die beteiligten Zeichner*innen ausgewählt?

Zum einen ging es uns darum, anhand von unveröffentlichten Werken ein paar historische Schlaglichter zu werfen, sodass sich jede Besucherin und jeder Besucher das große Thema „Comics“ gut erschließen kann. Dann liegt der Fokus auf den letzten Jahrzehnten sowie auf den aktuell arbeitenden ZeichnerInnen. Als Kunsthistorikerin gehe ich immer vom Werk aus und bei dieser Schau sollten die Blätter eine möglichst große Bandbreite zeigen. Wir haben verschiedene Handschriften, unterschiedliche thematische und gestalterische Ansätze zusammengebracht. Außerdem haben wir unterschiedliche Gründe für das nicht-veröffentlicht-sein zusammengetragen, da dieser Blick hinter die Kulissen die Arbeitsweise samt den Problemen und Herausforderungen widerspiegelt. Hier haben wir also geschaut, dass nicht bei jedem „vom Verlag abgelehnt“ steht. Wir wollten aber auch ZeichnerInnen repräsentieren, die bisher noch keine große Plattform bekommen haben. So eine Auswahl ist immer sehr langwierig, intensiv und kleinteilig, weil dann auch noch Aspekte dazukommen wie die Frage nach den Bildrechten, was ist überhaupt ausleihbar oder transportierbar etc.

Flix, aus der Serie: Schöne Menschen, 2020 © Flix
Es sind langjährige, etablierte Künstler*innen darunter, genauso, wie relative unbekannte Newcomer: Kann man Gemeinsamkeiten ausmachen, warum Blätter/Geschichten nicht veröffentlicht wurden?

Es gibt natürlich Gründe, die kennt jeder, etwa dass man vom Verlag abgelehnt wurde und irgendwann keine Lust mehr hatte, sich mit seinem Projekt anzubiedern. Dann gibt es bei jüngeren Zeichner*innen immer mal wieder zu ambitionierte Projekte, für die dann leider die Zeit fehlte, weil man Auftragsarbeiten und anderen bezahlten Jobs nachgehen musste. Insgesamt gibt es aber wenig allgemeine Aussagen und viel Individualismus. Der eine verwirft sein Konzept nach zehn Seiten und fängt noch mal neu an, die andere druckt eine kleine Auflage einfach selbst, der nächste wird einfach nicht fertig.

Sind es vor allem die perfektionistischen Künstler*innen? Oder gibt es eher Hürden auf Seiten der Verlage?

Ist es nicht immer der Perfektionismus, der einem im Weg steht? Ich glaube, das ist bei vielen Menschen so, dass man Dinge zu einem bestimmten Grad umsetzen will und so lange man nicht den selbst festgelegten Qualitätsanspruch umsetzen kann, wird man auch nicht fertig. Ein Zeichner hat beispielsweise gesagt, dass seine Story um die 300 Seiten haben soll, er findet aber nicht genügend Zeit, um in diesem aufwändigen Stil weiter daran zu arbeiten. 

Julia Bernhard, aus: Iwan, der graue Wolf & der Feuervogel, 2015–2016 © Julia Bernhard
Was hat Dich am meisten überrascht?

Am meisten überrascht hat mich die Tatsache, dass so unglaublich viele gute Ideen, angefangene Projekte und auch fertige Stories existieren. Ich hätte das am Anfang wirklich nicht gedacht und bin ganz fasziniert von dieser „Parallelwelt“.

Wie gross sind die Chancen, dass die bisher unveröffentlichten Geschichten noch einen Verleger finden? Gibt es schon Rückmeldungen?

Ich hoffe, dass der ein oder andere Verlag aufmerksam wird oder sich andere Publikationsmöglichkeiten ergeben werden. Außerdem haben vielleicht auch manche ZeichnerInnen noch mal Muße entwickelt, sich einer liegen gelassenen Idee erneut zu widmen.

Matthias Schultheiss, Hitler im Ersten Weltkrieg, 1978 © Matthias Schultheiss
Wird es eine Fortsetzung geben? Es dürften sicherlich noch viele Zeichner*innen unentdeckte Schätze in ihren Schubladen haben.

Wir könnten daraus wahrscheinlich eine Endlos-Geschichte machen, denn gutes Material gibt es wirklich genug. Aber man muss natürlich schauen, dass es nicht redundant oder beliebig wird. Ich denke aber, dass es irgendwo einen Raum gegeben sollte, in dem der Blick auf Unveröffentlichtes verstetigt werden sollte.

Ganz herzlichen Dank!

UNVERÖFFENTLICHT – Die Comicszene packt aus! Strips and Stories – von Wilhelm Busch bis Flix, 3. Oktober 2021 bis 16. Januar 2022

Hier gehts zum Ausstellungsraum: https://www.ludwiggalerie.de

 

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