Mœbius – Ausstellung im Max Ernst Museum Brühl des LVR

John Difool, die Sternenwanderer, die hermetische Garage – noch dazu Blueberry. Die Aufzählung könnte noch lange, lange so weiter gehen. Der Kosmos von Jean Giraud alias Gir alias Mœbius ist schier unendlich. Seit langem zählt das Chamäleon unter den Comiczeichnern zu meinen absoluten Lieblingskünstlern. Das Max Ernst Museum Brühl des LVR widmet dem großartigen Zeichner jetzt eine umfassende Ausstellung. Ich hatte die Gelegenheit, den Kuratoren der Ausstellung, Achim Sommer und Patrick Blümel, per E-Mail ein paar Fragen zu stellen.

Moebius, L’Homme du Ciguri, 1994, Airbrush und Mischtechnik auf Papier, 39 x 29,5 cm © 2019 Les Humanoïdes Associés/ Moebius Production
AJ: Wie kommt es überhaupt dazu, dass Sie in Brühl eine Mœbius-Ausstellung auf die Beine stellen?

AS: Wir versuchen in unserem Ausstellungsprogramm oft auch spartenübergreifend dem Geist und dem Gestus von Max Ernst bzw. des Surrealismus bis in die zeitgenössische Kunst hinein nachzugehen. Mœbius stetig verfolgtes Ziel blieb es, „den Verbindungspunkt zwischen dem Comic und der Welt der Kunst herzustellen“. Zugleich ließ er sich von den Techniken und Bildstrategien der Surrealisten inspirieren, sei es durch die „écriture automatique“ oder verfremdende Metamorphosen, sei es durch die Einbindung des Zufalls oder des Traums als Zugang zum Unbewussten. Und seine Erzählweise erinnert zuweilen an die surrealen, hermetisch „verrätselten“ Collageromane von Max Ernst.

Moebius, La Chasse au Major, 2009, Acryl auf Leinwand, 90 x 130 cm © 2019 Moebius Production
Was erwartet die Besucher in der Mœbius – Ausstellung im Max Ernst Museum Brühl des LVR?

PB: Die Ausstellung versammelt rund 450 Zeichnungen, Aquarelle, Gemälde sowie Drucke und macht die große Bandbreite von Mœbius’ Schaffen auf eindringliche Weise deutlich. Dabei folgt sie thematischen Bereichen wie „Natur und Metamorphose“, „Der Traum vom Fliegen und Fallen“ oder „Die innere Wüste und ihre Darstellung“. Wir haben uns in der Auswahl der Werke vor allem auf Jean Girauds surreal anmutende Bildwelten konzentriert. So stehen fast ausschließlich Arbeiten im Vordergrund, die unter dem Pseudonym „Mœbius“ entstanden sind und nicht so sehr jene, die er als „Gir“ geschaffen hat. Neben der motivischen Vielfalt legt die Ausstellung auch Wert darauf, die vielen medialen Facetten von Moebius deutlich zu machen. Wir zeigen nicht nur das klassische Medium des Comics, sondern auch Illustrationen, die für Bücher entstanden sind, oder Entwürfe für die Innenausstattung der Shoppingmall Sony Metreon in San Francisco. So können die Museumsgäste die ganze Bandbreite dieses Zeichnergenies erkunden.

Moebius, Trait de génie: Giraud-Moebius, 2000, Tusche und Aquarell auf Papier, 24 x 32 cm © 2019 Moebius Production
Jetzt wird Mœbius nicht unbedingt zum ersten Mal in einem Museum gezeigt. Was macht Ihre Ausstellung zu einem ganz besonderen Erlebnis?

PB: Unsere Ausstellung steht ganz im Zeichen der inneren und äußeren Reise. Die Besucherinnen und Besucher sind aufgefordert, in die Bildwelten von Mœbius regelrecht einzutauchen und Teil dieser zu werden. Dazu bieten die vielen klein- und großformatigen, detailreichen Zeichnungen ausreichend Gelegenheit. Als ein besonderes Feature gibt es aber auch die Möglichkeit, überdimensional große Motive auf acht Wänden mit der App „Artivive“ neu zu erleben. Dazu wurden die Bilder von Mœbius animiert und können nun mit dem Smartphone zum Leben erweckt werden.

Porträt Jean Giraud, 2012, Foto: Isabelle Giraud © 2019 Moebius Production
Hat die Familie, die ja zur Eröffnung gekommen ist, an der Ausstellung mitgewirkt?

AS: Ohne die aktive Kooperation mit Mœbius Production Jean Giraud in Paris, die durch die Witwe geleitet wird, wäre eine Ausstellung in solch einem Umfang gar nicht möglich gewesen. Mœbius Production stellte nicht nur die zahlreichen Leihgaben zur Verfügung, sondern gab uns auch die notwendigen Copyright-Genehmigungen.

Moebius, 40 jours dans le désert B, 1999, Seite 11, Tusche auf Papier, 16 x 23,5 cm © 2019 Moebius Production
Welche Bedeutung hat Mœbius heute eigentlich in der Kunstwelt? Welche in der Comic-Szene?

PB: In Deutschland ist die Comic-Kunst immer noch eine Randerscheinung, auch wenn es in den letzten Jahren einige große Ausstellung zum Thema gab. Mœbius hatte großen Einfluss auf unsere Vorstellung von einer möglichen Zukunft und wurde von vielen Filmemachern rezipiert. Genre-Filme wie zum Beispiel Blade Runner von Ridley Scott wurden von seinen Bildgeschichten inspiriert, an der visuellen Magie von Filmen wie AlienAbyss oder Das fünfte Element hat er aktiv mitgewirkt. In der Kunstszene ist er sicherlich eher ein Insidertipp, während er in der Comic-Szene einen „gottähnlichen Status“ besitzt. Unser Anliegen ist es, in der Ausstellung diese drei Welten zusammenzubringen und diesem Visionär den längst überfälligen Raum zur vollständigen Entfaltung zu bieten.

Moebius, Arzak le rocher, 1995, Gouache und Acryl auf Papier, 36 x 24,3 cm © 2019 Moebius Production

Was ist generell so faszinierend an seinen Werken?

AS: Das Werk von Mœbius ist von absoluter grafischer Überzeugungskraft. In seiner Zeichenwelt ist er gleichzeitig Architekt, Philosoph und Demiurg. Er schuf Bilder, die uns immer wieder in Erstaunen versetzen, und sie haben die Kraft, unseren Blick und unseren Geist regelrecht einzusaugen und uns mitzunehmen auf Reisen und zu Erlebnissen jenseits unseres Vorstellungshorizontes.

Zu den Kuratoren:

Achim Sommer, geboren 1956 in Kassel. Studium der Kunstgeschichte, Romanistik/Französisch und Klass. Archäologie in Göttingen und Bonn. 1991 Promotion. Danach wiss. Volontariat am Kunstmuseum Bonn, anschließend Betreuung der Sammlung Grothe. 1995 wiss. Mitarbeiter und von 1996 bis 2006 wiss. Leiter der Kunsthalle Emden. In dieser Zeit für über 50 Ausstellungen verantwortlich; u. a. Hrsg. der Bestandskataloge zur Sammlung Nannen und Schenkung van de Loo. Seit 2006 Direktor des Max Ernst Museums Brühl (seit 2007 in Trägerschaft des Landschaftsverbands Rheinland) und Geschäftsführer der Stiftung Max Ernst. Zahlreiche Ausstellungen und Kataloge zur Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts.

Patrick Blümel, geboren 1979 in Duisburg. 2000 – 2009: Studium der Kunstgeschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms Universität Bonn. 2011 – 2013: Wissenschaftliches Volontariat im Max Ernst Museum Brühl des LVR. 2014 – 2016: Kuratorische Assistenz im Max Ernst Museum Brühl des LVR. Seit 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Max Ernst Museum Brühl des LVR. Seit der Kindheit: Fan von Science-Fiction- und Fantasy-Comics (u.a. Valerian und Veronique, Elfenwelt, Schwermetall) und –Filmen (Star Wars, Blade Runner, Time Bandits)

Infos zur Ausstellung:

Mœbius – Ausstellung im Max Ernst Museum Brühl des LVR Comesstraße 42 / Max-Ernst-Allee 1, 50321 Brühl (bei Köln) www.maxernstmuseum.lvr.de Tel +49 (0) 2232 5793 -0 

Ausstellungsdauer: 15. September 2019 bis 16. Februar 2020

Öffnungszeiten Dienstag –Sonntag: 11 –18 Uhr sowie 3.10., 1.11., 26.12. Geschlossen: Montag sowie 24.12., 25.12., 31.12, 1.1.20 Eintrittspreise  Erwachsene 10,50 € | ermäßigt 6,50 €, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre: Eintritt frei, Leistungsberechtigte des LVR (inkl. Begleitperson): Eintritt frei. Jeden letzten Donnerstag im Monat freier Eintritt in die Sammlung. 

Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit 272 Seiten, über 240 Abbildungen und Beiträgen von Patrick Blümel, Isabelle Giraud, Jean Giraud, Achim Sommer, Friederike Voßkamp und Jürgen Wilhelm. Er ist als gebundene, zweisprachige Museumsausgabe (Deutsch/Englisch) zum Preis von 49,90 € erhältlich.

https://maxernstmuseum.lvr.de/de/startseite_1.html

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