Berlin, Berlin… Interview mit Jason Lutes

Mehr als 20 Jahre lang hat der Amerikaner Jason Lutes an einer Berlin-Trilogie gearbeitet. Mit seinem Blick auf das Ende der Weimarer Republik hat er sich über die lange Zeit eine große Fangemeinde erarbeitet, die geduldig auf den Abschluss der Story gewartet hat. 

Weit vor der preisgekrönten Fernsehserie Babylon Berlin hat Jason Lutes in seinem Comic Berlin bereits eine Epoche beschrieben, die an Aktualität gewonnen hat. Vor allem, weil sich die Parteienlandschaft in den vergangenen Jahren enorm gewandelt hat und radikale Ansichten leider immer lauter werden.

Innenseite aus der Graphic Novel Berlin.
In gelungenen schwarzweiss Bildern zeichnet Lutes das Ende der Weimarer Republik. ©Alex Jakubowski

Lutes beschreibt die ausgehenden 1920er Jahre mit seinem besonderen Blick auf Personen. Er zeigt Journalisten und Studenten, Arbeiter und Obdachlose, Politiker und einfache Leute. Episodenhaft erzählt er Schicksale, die zwischen bitterem Hunger und überbordendem Überfluss, zwischen Verzweiflung und Revolution alles finden, was man sich nur vorstellen kann.

Ein genauer Blick auf gesellschaftliche Vorgänge

Natürlich hat Lutes nicht die komplette Zeit an seiner Graphic Novel gearbeitet, aber immer, wenn es sein Brot- und Butter-Job eben zuließ. Zu Beginn der Arbeit kannte er die Stadt Berlin nur aus Büchern und Filmen. Ein Kritiker bezeichnete ihn deshalb einst als modernen Karl May. 

Seine akribische Recherche dauerte alleine schon zwei Jahre. Mittlerweile dürfte er sich zu einem Experten der damaligen Zeit und der Stadt entwickelt haben. Herausgekommen ist ein spannender Blick auf eine Gesellschaft kurz vor dem Abgrund. Die Goldenen 1920iger Jahre neigen sich dem Ende entgegen. Die Auseinandersetzungen zwischen Faschisten und Kommunisten werden immer härter. Die Weimarer Republik steht vor dem Aus.

Jason Lutes beim Signieren. ©Alex Jakubowski
Jason Lutes beim Signieren, auf dem Tisch: Narren – einer seiner früheren Comics. ©Alex Jakubowski

Obwohl der Carlsen-Verlag erst Mitte des vergangenen Jahres den dritten, abschließenden Band der Trilogie veröffentlicht hat, sind eben erst alle drei Berlin-Bücher in einer Gesamtausgabe zusammengefasst und mit Zusatzmaterial versehen worden. Eine gute Entscheidung, gewinnt die Geschichte alleine schon durch das größere Format an Lesefreundlichkeit. Zudem ist das Buch handwerklich schön gemacht, erfreut mit einem alten Berlin-Stadtplan auf dem Vorsatzpapier und liefert im redaktionellen Teil vertiefende Informationen und ein Interview.

Zum Erscheinen der Gesamtausgabe war Jason Lutes zur Signierreise in Deutschland. In Frankfurt am Main habe ich den äußerst sympathischen Zeichner zum Interview getroffen. 

Der TV-Beitrag zum Interview ist hier zu sehen: https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-501835.html

Das Interview

Jason Lutes im Interview.
damalsJason Lutes im Interview für die ARD. ©Alex Jakubowski

(AJ) Jason, ich freue mich sehr, dass wir die Gelegenheit haben, uns zu unterhalten. Ich selbst habe den ersten Teil Deiner Arbeit vor einigen Jahren gelesen und habe jetzt alle drei in Deutschland veröffentlichten Bücher in einem Rutsch in der Gesamtausgabe gelesen. Für mich ist das Buch ein Episodenwerk, das viele einzelne Handlungsfäden vorantreibt. Wie würdest Du selbst Deine Trilogie beschreiben?

(Jason Lutes) Ich habe versucht, ein Porträt einer Stadt zu entwerfen, indem ich einigen Charakteren in ihr gefolgt bin. Ich habe beobachtet, wem sie begegnen. Dabei habe ich versucht, verschiedene Menschen und all das zu zeigen, was das Leben ausmachte, in einer Stadt der damaligen Zeit. Das hört sich wie eine verrückte Idee an, aber das war mein ursprüngliches Ziel. Herauszufinden, welche menschlichen Erfahrungen in der Stadt Berlin in den 1920er Jahren gemacht wurden.

(AJ) Gab es einen durchgängigen Plot, den Du im Kopf hattest?

(JL) Nein, alles, was ich als Vorgabe hatte, waren existierende historische Begebenheiten, wie die Mai-Demonstrationen des Jahres 1929, die Wahl 1930. Alles andere habe ich zwischen den Events improvisiert. So habe ich meine fiktionalen Charaktere an diesen Ereignissen entlang angelegt. Alles, was sie erlebt haben, entstand aber erst in dem Moment, in dem ich es geschrieben habe. 

(AJ) Was fasziniert Dich so an der damaligen Zeit?

(JL) Ich habe das eigentlich erst im Rückblick richtig verstanden, aber das was mich in die Weimarer Republik geführt hat war, dass es eine Zeit war, die ein großes Potential hatte, viel Energie, viele Möglichkeiten. Berlin war auf dem neuesten Stand der Kunst, der Wissenschaft. Hier haben viele unterschiedliche Milieus miteinander interagiert. Alles war irgendwie möglich kurz nach dem Ersten Weltkrieg. 

Klare Linien kennzeichnen Lutes Stil. ©Alex Jakubowski
Klare Linien kennzeichnen Lutes Stil. ©Alex Jakubowski

Alles hatte sich verändert und viele Menschen hatten das Gefühl: die Zukunft steht noch nicht fest. Da ist etwas möglich. Ich selbst habe in Seattle gelebt, als ich mit der Arbeit an dem Buch begonnen habe. Diese Stadt hatte eine ähnliche Qualität wie Berlin. Ich denke, ich habe einfach eine sympathische Verbindung zwischen den beiden gefunden.

(AJ) Gab es während dieser langen Zeit Deiner Arbeit auch einmal kreative Schwierigkeiten? Gab es mal den Punkt wo Du gesagt hast, mein Gott, was habe ich da nur angefangen?

(JL) (lacht) Ja, ich habe zwei Jahre alleine mit Recherche verbracht, bevor ich angefangen habe, zu zeichnen. Jedes Kapitel das ich gezeichnet habe, wurde veröffentlicht, aber ich hatte anfangs natürlich eine ziemlich kleine Leserschaft, also habe ich auch nicht besonders viel verdient. Natürlich gab es da Momente, wo ich gedacht habe, ich höre auf. Es sah eben nicht so aus, als könnte ich davon leben.

Aber letztlich waren es drei Punkte, die mich immer wieder dazu gebracht haben, weiterzumachen. Zum einen natürlich das Publikum. Dann wollte ich mich selbst einfach nicht hängen lassen und dann waren es einfach die Charaktere, die für mich lebendig waren. Das war letztlich auch das entscheidende für mich.

(AJ) Du hast Deine Arbeit vor 22 Jahren begonnen, im Moment gibt es diesen Babylon BerlinHype. Ist das Zufall, dass Dein Comic jetzt fertig geworden ist und auch andere diese Zeit interessant finden?

(JL) Auf den ersten Blick ist es vielleicht Zufall. Aber diese Zeit gerät gerade ins kollektive Bewusstsein der westlichen Welt, weil es viele Ähnlichkeiten zu heute gibt. Es werden gerade die gleichen Mächte wiederbelebt wie damals: Populismus und Nationalismus. Und das passiert in meinem Land genauso wie auf der ganzen Welt. Diejenigen von uns, die Künstler sind haben ein Gespür für so etwas. Für mich ist deshalb einfach klar, dass dann solche Geschichten zur selben Zeit entstehen.

Jason Lutes beim Signieren. ©Alex Jakubowski
Jason Lutes beim Signieren im Frankfurter Comicladen Terminal Entertainment, mit Ekki Helbig. ©Alex Jakubowski

(AJ) Wenn Du Deinen Erfolg heute siehst: Was denkst Du darüber?

(JL) Es ist wunderbar. In all den Jahren war mein Studio meist im Keller. Ich holte mir einen Kaffee, ging die Treppe runter und tauchte dann ein in die Zeit, die ich zu Papier brachte. Und wenn ich dann hochkam, tauchte ich wieder auf und ging in die echte Welt zurück. Rückblickend fühlt es sich an, als hätte ich geträumt. 

(AJ) Hast Du vor, eine Fortsetzung zu schreiben?

(JL) Nein, das Buch ist fertig. Ich werde zwar gefragt, was passiert mit den Hauptfiguren nach dem eigentlichen Ende, aber ich habe wirklich überhaupt keine Idee, ich denke noch nicht einmal darüber nach. Ich habe das Buch beendet und es in die Welt geschickt. Alles andere passiert mit den Charakteren ausschließlich in den Köpfen der Leser. 

(AJ) Was ist Dein nächstes Projekt?

(JL) Der nächste Comic von mir wird ein Western sein. Er spielt in Arizona im Jahr 1856. Es geht darin um ein junges mexikanisches Mädchen, das versucht Geronimo davor zu warnen, dass er umgebracht werden soll.

(AJ) Vielen Dank und viel Erfolg für alles, was kommt!

(JL) Danke auch!

Angaben zum Buch: Jason Lutes: Berlin. Gesamtausgabe. Carlsen-Comics. Hardcover, 608 Seiten, schwarzweiss. 46,-€

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