Adler, Karl und Struwwelpeter

Seit dem 30.Juni 2021 stellt der Rheingauer Künstler Michael Apitz im Struwwelpeter-Museum in der neuen Frankfurter Altstadt aus. Der Titel: Die Comic-Welten des Michael Apitz. Mit Karl – der Spätlesereiter gelang ihm vor 30 Jahren ein großer Wurf.  Die Presse nannte die Figur bald den deutschen Asterix. Später fing er an, zu jedem Spieltag der Frankfurter Eintracht Comics für das Stadionheft zu zeichnen. Noch heute warten die Fans sehnsüchtig im Netz auf seine gezeichneten Prognosen. Bei Heimspielen werden diese oftmals im Stadionheft abgedruckt. Zur Eröffnung der Ausstellung durfte ich die Laudatio halten. 

Michael und Ich vor Attila? ©Foto: Stefan Gerhardt

Michael Apitz ist ein Adler! Bei unserem ersten Treffen hatte er ein T-Shirt mit diesem Schriftzug an. „Ich bin ein Adler!“ Eintracht Fan. Klar. Bei diesem Treffen vor fünf Jahren ging es ja auch um seine Eintracht-Comics, die gerade in einem Sammelband erschienen waren. Er machte Werbung dafür. Ich habe einen Online-Artikel dazu geschrieben.

Eintracht, nicht Kickers!

Noch länger her, 1978 nämlich war es, da nahm ihn sein Bruder mit ins Waldstadion. Was ein Glück! Man stelle sich mal vor, der Bruder wäre Kickers-Fan gewesen…Jedenfalls: Zur gleichen Zeit, als seine Leidenschaft fürs runde Leder entfacht wird – 1978 – fängt Michael auch an, Comics zu zeichnen. Nachzuzeichnen natürlich erst einmal, jeder fängt ja mal klein an.

Das Plakat zur Ausstellung. ©Michael Apitz

Aber dann macht er weiter – wie jeder gute Zeichner. Dabei merkt er recht schnell, dass er mit fünf Strichen gut Leute karikieren kann. So wie er es heute zu jedem Spieltag der Eintracht immer noch tut. Natürlich war er damals noch ganz am Anfang seiner Karriere. Und die begann, wie bei vielen anderen auch, bei der Schülerzeitung.

Modern Talking könnten ein Lied davon singen

In der der Rheingauschule in Geisenheim brauchte man jemand, der zeichnen konnte und so fing er da eben an. Dort begann übrigens auch die Zusammenarbeit mit Patrick Kunkel, dem heutigen Bürgermeister von Eltville. Gemeinsam gründeten beide ein Jugendmagazin, die Wühlmaus. Sein Talent, Leute zu karikieren setzte Michael hier fort. Modern Talking könnten ein Lied davon singen. – Müssen sie aber nicht…

Skizzen aus der Anfangszeit von Karl. ©Foto: Alex Jakubowski

Und dann kam Michael, Patrick und Patricks Vater die Idee, die alles verändern sollte. Ein Comic, der im Rheingau spielt und sich mit der Entdeckung der Spätlese beschäftigen sollte. Wahnsinn!

Schnapsidee, oder? Von wegen!

Sie nahmen mal eben 40.000 Mark in die Hand und druckten die erste Auflage von Karl – der Spätlesereiter. Und weil sie nicht kleinlich sein wollten, musste es gleich eine Auflage von 10.000 Alben sein! 10.000! Zehntausend! Gelagert in der Garage. Ausgefahren mit den eigenen Autos. Bestellungen kamen per Telefon oder Fax.

Nur mal nebenbei bemerkt: Mit 5000 verkauften Alben zählte man damals schon zu einem Bestseller – und heute tut man das immer noch!

Volles Haus im Struwwelpeter-Museum bei der Eröffnung. ©Foto: Stefan Gerhardt

Aber: Karl wird zum Erfolg. Die Presse wird ihn bald den Deutschen Asterix nennen! Was für ein Ritterschlag! Noch dazu für Michael, der in Albert Uberzo, dem Asterix-Zeichner, sein großes Vorbild sah. Ich mache es kurz: nach drei Wochen waren die 10.000 Alben weg.

Eine Million Alben

Am Ende wurden über die Jahre mehr als 150.000 Exemplare verkauft – allein von diesem ersten Album. Und noch besser: Insgesamt wurden es 12 Alben, fast eine Million Alben wurden verkauft, im Selbstverlag. Dazu Nebenprodukte wie der Rheingauner, Karl-Krimis, und und und…

Privatführung für Fussballgott Alex Meier, der gerne Motiv für Michael war. ©Foto: Alex Jakubowski

Das erstaunliche an dem Erfolg – neben der Tatsache, dass das Weinthema überaus gut funktioniert hat: Michael hatte schon ab dem ersten Album einen eindeutigen und markanten Strich. Das Figurenensemble war klassisch aufgebaut – der blonde Held – mehr Tim als Asterix, der tollpatschige Freund, die hübsche Freundin, der hinterlistige Widersacher.

Karikaturen wurden zum Markenzeichen

Schon ab Band eins mit prominenten Nebenfiguren – die Karikaturen, hier tauchen sie wieder auf. Mal Politiker, mal Schauspieler, mal Sportler. Ob Helmut Kohl, Boris Becker oder Marlon Brando. In jedem Band gab es etwas zu entdecken. Und immer erkannte man die Personen auf den ersten Blick.

Ob Monroe oder Bogart: Karikaturen sind sein Markenzeichen. ©Foto: Alex Jakubowski

Nach 12 Alben aber war 2004 dann Schluss. Michael wollte sich als ernst zu nehmender bildender Künstler etablieren. Hatte das schon die ganzen letzten Jahre parallel vorangetrieben. Sein Partner Patrick Kunkel wurde Berufspolitiker. Das passte zusammen. Die Karl-Geschichten wurde Geschichte…

Comiczeichner-Karriere am Ende?

Zum Glück ist die Familienbande stark im Hause Apitz. So wie sein Bruder ihn zur Eintracht brachte, brachte ihn sein Neffe schließlich zu den Eintracht-Comics. In den Adler-Olymp. Ab 2007 hat er jedes Heimspiel zeichnerisch begleitet. Im Internet tut er das immer noch. Und die Fans freuen sich jeden Spieltag darauf. Und hoffen, dass seine Prognosen stimmen. Denn der Eintracht-Fan kann natürlich nicht aus seiner Haut – und hofft selbst, dass die eigene Mannschaft gewinnt.

Fussball-Gott… ©Foto: Alex Jakubowski

Und auch bei den Eintracht-Comics ist Apitz eben Apitz: sein Strich ist unverkennbar – und der Leser erkennt die Spieler, Trainer, Funktionäre – auf den ersten Blick! Das alles fast tagesaktuell gezeichnet, wie ein politischer Karikaturist. Zwei Tage braucht er meistens, von der Idee, bis zum fertigen Bild.

Aber: Es gab auch eine Zeit, da haderte Michael mit dem Image, „nur“ ein Comiczeichner zu sein. Karl wurde ihm über. Er wollte nicht darauf festgelegt werden, Comics zu zeichnen, die hierzulande immer noch den Ruf haben, „nur“ etwas für Kinder zu sein.

Kindercomics? Nein!

Dabei waren seine Arbeiten immer etwas für Erwachsene! Der geschichtliche Bezug der Karl-Abenteuer war immer da. Und die Anspielungen auf lebende oder verstorbene Persönlichkeiten waren immer an die erwachsene Leserschaft gerichtet.

Aber so ist das eben in Deutschland. Bei Comics rümpft so mancher immer noch die Nase. Nach dem Motto: könnte es nicht wenigstens eine Graphic Novel sein, die Du da machst?

Auch Henni Nachtsheim gehörte zu den Eröffnungsrednern. ©Foto: Stefan Gerhardt

Dass sich Michael mittlerweile als Bildender Künstler etabliert hat – seine Landschaftsbilder sein Markenzeichen sind, seine religiösen Motive bundesweit installiert werden – das hat vielleicht auch dazu beigetragen, dass er seine eigene Arbeit als Comiczeichner selbst wieder mehr zu schätzen weiß. Sicherlich auch ein Grund, warum er heute hier seine Arbeiten zeigt.

Man könnte bei ihm fast sagen: sein Weg brachte ihn von der Neunten Kunst zur Bildenden Kunst und wieder zurück. Wie man hört könnte es vielleicht in naher Zukunft auch wieder einen Comic von ihm geben? Wie schön!

Von der Bildenden zur Neunten Kunst und zurück

Denn, wer es schafft, im Karl einen Hund zum Weintrinker zu machen und das Eintracht-Maskottchen Attila – einen Adler wie wir alle wissen – als Papagei zu zeichnen, der sich nur für einen Adler hält!!! – der sollte auf jeden Fall wieder Sprechblasen zu Papier bringen. Mein Wunsch wäre das jedenfalls.

Michael aber hat einen ganz anderen Wunsch, hat er mit einmal erzählt. Zitat: „Dass mich irgendwann die Verantwortlichen von Bayern München fragen, ob ich für sie einen Comic zeichne. Weil ich dann genüsslich sagen werde: Nein!“

Im Museumsshop gibt es auch unsere bei Finix erschienene Karl-Gesamtausgabe. ©Foto: Alex Jakubowski
Infos zur Ausstellung: Adler, Karl und Struwwelpeter. Die Comic-Welten des Michael Apitz. Ort: Struwwelpeter Museum. Hinter dem Lämmchen 2-4. 60311 Frankfurt am Main. http://www.struwwelpeter-museum.de

Hier gibts die Karl-Gesamtausgabe auch: https://www.finix-comics.de/

Infos zur Karl-Gesamtausgabe hatte ich schon einmal hier bereit gestellt: 

https://comic-denkblase.de/gesamtausgabe-karl-der-spaetlesereiter

2 Kommentare

    1. Sehr, sehr gerne. Hat ja auch Spaß gemacht. Und für alle, die nicht dabei sein konnten, hier quasi der Text der Rede… 🙂

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