Auf den Hund gekommen

Um es gleich vorneweg zu sagen: Mit süßen Schoßhündchen hat dieser Comic nichts zu tun. Aber auch rein gar nichts. Auf den Hund gekommen ist ein fesselnder Krimi-Comic mit ungewöhnlichen Protagonisten und keinem echten Happy End. Manche Szenen sind sogar recht brutal. Aber das tut dem Lesegenuss keinen Abbruch. Eine Krimi-Entdeckung aus dem Hause Splitter, die Lust macht auf mehr.

Der einzige Begleiter der Killerin: ein Dalmatiner.
© Splitter Verlag GmbH & Co. KG Bielefeld 2025

Wie stellt man sich wohl eine kaltblütige Killerin vor? Schlank und durchtrainiert, mit stahlhartem Blick. Eine Frau, die in Extremsituationen körperlich angespannt ist und mental blitzschnell reagiert. Catwoman in böse vielleicht. Aber die Protagonistin Mathilde in Auf den Hund gekommen dürfte genau das Gegenteil dieser Stereotype sein.  

Der Wolf im Schafspelz

Denn Mathilde ist Rentnerin. Das Haar grau, die Brille zu groß, die Lippen etwas zu grell geschminkt. Die besten Jahre dürften hinter ihr liegen. Am Mittelfinger prangt ein goldener Ring, am Handgelenk hängt die goldene Uhr. Und in der Hand? Da hält sie mit festem Griff eine Knarre mit Schalldämpfer. Desert Eagle heißt das Teil – „eine wuchtige Schusswaffe“, stellt Inspektor Vassilev nüchtern fest – nichts für Amateure.

Das Cover von „Auf den Hund gekommen“.
© Splitter Verlag GmbH & Co. KG Bielefeld 2025

Ihren entschlossenen Blick lernt der Leser bereits auf Seite drei kennen, wo ihr erstes Opfer gleich in die Mündung der Waffe blickt. Aber so wie Mathilde da in ihrem gelben Regenmantel mit Kapuze auf dem Kopf vor dem Großindustriellen steht, mag man kaum glauben, dass sie gleich zweimal abdrückt. Erst auf die Weichteile und dann auf den Kopf zielen wird. Wir sind im September 1985.

Gibt’s einen Tatortreiniger?

„Was für eine Schweinerei“, meint daher auch der Inspektor, der neben dem menschlichen Opfer auch noch einen toten Vierbeiner findet. Ein Fehler? Oder Kalkül? Mathildes Auftraggeber jedenfalls gefällt das gar nicht. Unsaubere Arbeit ist man offenbar von ihr nicht gewohnt. Aber es bleibt bei der Ermahnung und der nächste Auftrag kommt prompt. Zumindest denkt das Mathilde.

Das nächste Opfer wartet bestimmt…
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Unverhofft trifft sie ihren Auftraggeber Henri – der wissen will, was beim letzten Auftrag schiefgelaufen ist. Beide kennen sich schon lange – seit den Zeiten, als beide in der Resistance waren. Ihre Liebe aber erwidert er nicht. Später gesteht er: „Du hast mir immer ein wenig Angst gemacht.“ Nur zu genau hat er in Erinnerung, wie sie einst Informationen aus einem Gefangenen gepresst hat.

Die Vergangenheit wird zur Gegenwart

 Unterdessen pendelt Inspektor Vassilev zwischen seinem pflegebedürftigen Vater und dessen Pflegerin sowie der Aufklärung des Falls. Während sein Chef eine Mafia-Geschichte vermutet, kommt der Inspektor recht schnell auf die Spur der unscheinbaren Seniorin – die offenbar immer mehr Fehler macht. Mal interpretiert sie Dinge falsch, mal wird sie in Tatortnähe gesichtet.

Inspektor Vassilev und die Pflegerin seines Vaters.
© Splitter Verlag GmbH & Co. KG Bielefeld 2025

Schnell entwickelt sich eine blutige Mordserie, bei der die Opfer scheinbar wahllos ihr Leben lassen müssen. Egal, welchen gesellschaftlichen Status sie haben. Egal welche Vergangenheit sie wieder einholen könnte. Fraglich, ob ein echter Inspektor die Taten miteinander in Verbindung bringen würde. Das Einzige was alle wirklich eint: das kaltblütige Vorgehen aller Beteiligten.

Ausgezeichneter Autor

Die Vorlage zu diesem rasanten Krimi hat der französische Schriftsteller und Drehbuchautor Pierre Lemaitre geliefert. Der mit vielen Preisen ausgezeichnete Autor hat bei Splitter außerdem den Comic Wir sehen uns dort oben veröffentlicht. Eine Graphic Novel über Kriegsheimkehrer nach Ende des Ersten Weltkriegs. 2013 war sein dazugehörender Roman ein literarischer Überraschungserfolg in Frankreich.

Vater und Sohn.
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Zeichner Dominique Monféry ist bisher eher als Animationskünstler in Erscheinung getreten. Für Goofy – Der Film wurde er für den Annie Award nominiert. Beteiligt war er auch bei den Disney-Filmen Der Glöckner von Notre Dame, Hercules und Tarzan. Aber auch in Sachen Comic ist er längst kein Unbekannter mehr. Bei Splitter hat er die Bücher Evil Road und Tin Lizzie veröffentlicht. Sein leicht karikierender, aber immer realistischer Stil passt perfekt zur neuen, doch recht harten Story.  

Beste Krimi-Unterhaltung

Kurzum: Ein überraschender Plot mit ungewöhnlichen Protagonisten. Ein Pageturner, bei dem der Leser mindestens zwei Dinge wissen will: Hat die kaltblütige Mathilde eigentlich auch ein Gewissen? Und: Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, dem Unheil zu entrinnen? Ein Comic, der trotz manch blutrünstiger Bilder in bestem Sinne unterhält. Ein dark crime thriller at its best.

Was entwickelt sich zwischen diesen beiden eigentlich?
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Angaben zum Buch: Auf den Hund gekommen. Nach dem Roman von Pierre Lemaitre | Szenario: Pierre Lemaitre | Zeichnungen und Farbe: Dominique Monféry | Aus dem Französischen von Swantje Baumgart | HC |  Farbe | 120 Seiten |  Splitter-Verlag | 25 Euro
Hier gehts zum Verlag: Splitter
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