Zeichnen als Suche: „Vatermilch“

Wie schlimm ist es für ein Kind, wenn sein Vater verschwindet? Comic-Zeichner Uli Oesterle ist genau das passiert. In den 1970er Jahren trennen sich seine Eltern und bald bricht der Kontakt zum Vater ab. Es schwirren nur Gerüchte  durch München über dessen Verbleib – mehr nicht. Irgendwann wird der alkoholkranke Vater obdachlos. Man sieht ihn hier und da. Schließlich stirbt er 2010 im Alter von 75 Jahren nach etlichen Jahren in einem Heim. Erst am Sarg sieht Uli Oesterle ihn wieder und damit beginnt eine Suche nach einem eigentlich Unbekannten – und nach sich selbst. Zeichnen als Suche – Vatermilch – ein fast schon therapeutischer Comic-Roman

Buch und Zeichner Uli Oesterle im Frankfurter „Mal Seh’n-Kino“ ©Alex Jakubowski

Nicht alles, was im Comic zu lesen ist, hat sich auch tatsächlich so zugetragen. Rund 70-80 Prozent ist autobiografisch, erklärt Uli Oesterle. Der Rest wurde dazu gedichtet, um die Geschichte dramaturgisch zu erhöhen und besser lesbar zu machen. „Das Schreiben des Comics war für mich natürlich eine Suche nach meinem Vater, aber auch eine Suche nach dem eigenen Vatersein. Ich habe ja auch Kinder. Letztlich war es für mich als Zeichner und Autor also eine Sinnsuche. Man versteht einiges erst richtig, wenn man sich intensiv damit beschäftigt, Sätze formuliert, und sie in eine Geschichte presst – so wie ich das seit 2010 gemacht habe.“

Zwischen James Last und Günther Netzer

Im Buch ist sein Vater auf den ersten Blick kein Sympathieträger. Oesterle nennt ihn Rufus Himmelstoss, sich selbst tauft er in Viktor um. Rufus ist ein Markisenverkäufer, der gerne trinkt, Karten spielt und Frauen verführt. Zeit für die Familie nimmt er sich kaum. Es ist das München der 1970er Jahre. Die Figur ist als optische Mischung aus James Last und Günther Netzer angelegt. Ein Halodrie, der seinen eigenen Vorteil sucht – und bei allem Egoismus dennoch Mitgefühl erweckt.

Vielen Dank für die tolle Zeichnung! ©Uli Oesterle/Alex Jakubowski (Foto)

Nach einem tödlichen Autounfall, den Oesterle aus dramaturgischen Gründen erfunden hat,  begeht die Hauptfigur Fahrerflucht und taucht unter. Damit endet Band eins der auf vier Teile angelegten Geschichte. Band zwei wird vermutlich frühestens in einem Jahr erscheinen. „Dass Leute an ihren biografischen Bezügen arbeiten ist nicht so ungewöhnlich“, erklärt Jakob Hoffmann, der in seiner Frankfurter Veranstaltungsreihe Stories and Strips das Buch mit Uli Oesterle gemeinsam vorgestellt hat. „Aber die Fallhöhe von Vatermilch ist groß. Deswegen ist es ein mutiges und riskantes Buch, das mich neugierig macht auf das, was noch kommt.“

Vatermilch ist auf vier Teile angelegt

Zehn bis zwölf Seiten schafft Oesterle im Monat, wenn nichts dazwischen kommt. Bei Band eins konnte er sich noch über die finanzielle Unterstützung der Berthold Leibinger Stiftung freuen. Er bekam deren Comicbuchpreis für einen noch nicht veröffentlichten Comic im Jahre 2016. Jetzt muss der Illustrator natürlich auch seinem Hauptjob nachgehen. Er ist dennoch zuversichtlich, dass alles im Zeitplan bleibt. 

Der Autounfall ist frei erfunden. ©Carlsen Verlag GmbH 2020

In den Folgebänden geht es um die Wiedergutmachung, die Rufus Himmelstoss betreibt. Wieviel Wahrheit darin wohl steckt? „Ich würde sagen, ich habe aus ihm einen besseren Vater gemacht und dadurch versucht, auch aus mir einen besseren Vater zu machen“, erläutert Uli Oesterle. Freiheiten, die man sich als Autor eben nehmen kann. Noch dazu, wenn es um eine fiktive Biografie geht, wie Oesterle meint.

Virtuelle Buchvorstellung

Eigentlich wollte Uli Oesterle sein neues Buch auf dem Erlanger Comic-Salon vorstellen. Doch wegen Corona wurde dieser leider abgesagt. Die für Frankfurt geplante Lesung wurde ins Internet verlegt und gestreamt. Wir waren für die ARD-Tagesschau und das ARD-Nachtmagazin dabei. 

GoPro-Dreharbeiten für die ARD. © Alex Jakubowski

Zeichnen als Suche – Vatermilch. Den TV-Beitrag zum Comic in der 12-Uhr-Ausgabe der Tagesschau könnt Ihr hier sehen: https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-714097.html

Den etwas längeren Beitrag im Nachtmagazin hier bei 15:55: https://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/nm-5623.html

5 von 5 Comic-Denkblasen

Angaben zum Buch: Vatermilch. Buch 1: Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss. Autor/Zeichner: Uli Oesterle. Hardcover, in Farbe. 128 Seiten. Carlsen-Verlag. 

Hier der Link zum Verlag: https://www.carlsen.de/hardcover/vatermilch-die-irrfahrten-des-rufus-himmelstoss-vatermilch-1/83033

Und hier zum Künstler: https://www.oesterle-illustration.com

Auf der Dachterrasse des Hotel Nizza in Frankfurt. © Claudia Jerusalem-Groenewald

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