Wind in meinem Kopftuch

Wer Bücher oder Comics macht, weiß, dass ein sehr schöner Moment derjenige ist, wenn das Werk zum ersten Mal aus der Druckerei nach Hause kommt. Noch schöner, wenn Autor:innen einen an diesem Moment teilhaben lassen. Roya Soraya hat genau das auf ihrem Social-Media-Account gemacht. Und was soll ich sagen: So schön kann man sich freuen, und so schön können wir uns alle mitfreuen… Nicht nur deshalb habe ich mir ihren sehr lesenswerten Comic vorgenommen: Wind in meinem Kopftuch.
Im Bus sitzen die Frauen von den Männern getrennt.
© 2026 Carlsen Verlag GmbH

Der Carlsen-Verlag hat zuletzt immer wieder Comics veröffentlicht, die autobiografisch geprägt sind. In Ahmadjan und der Wiedhopf von Maren Amini etwa, zeichnet die Autorin die Geschichte ihres Vaters nach, der 1972 aus Afghanistan nach Deutschland kam. Tobi Dahmen hat in Columbusstraße die Rolle seines Großvaters im Zweiten Weltkrieg aufgearbeitet. Und nun ist es Roya Soraya, die ihre eigene Geschichte erzählt und sich auf die Suche nach ihren Wurzeln begibt.

Halb-halb

Die 1996 in Hannover geborene Künstlerin hat einen iranischen Vater. Wie viele Kinder von Eltern aus anderen Ländern, spricht sie deren Sprache nicht und ist noch nie im Mutterland ihres Vaters gewesen. Aber innerlich verspürt sie eine tiefe Verbundenheit und den Wunsch, endlich die Kultur kennenzulernen, die ihn geprägt hat. Sie ist auf der Suche nach einem Teil dessen, was ihre Identität ausmacht.

Das Cover
© 2026 Carlsen Verlag GmbH

„Ich war immer halb-halb“, erzählt die Zeichnerin. „Halb iranisch, halb deutsch“ – zudem ist sie Scheidungskind, pendelt zwischen den getrennten Eltern hin und her. Weil sie einen fremd klingenden Namen und dicke schwarze Haare hat, ist sie in der Schule für manche einfach anders. Und weil sie kein Farsi versteht und den Gesprächen ihrer iranischen Verwandten nicht folgen kann, fühlt sie sich ausgegrenzt.

Identität und Befreiung

Als junge, queere Erwachsene bringt sie ihren Vater dann dazu, gemeinsam mit ihm in den Iran zu reisen. Und natürlich erlebt sie einen Kulturschock. Die Rolle der Frau, das Mullah-Regime, das Verbot gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Aber natürlich ist da auch das andere, positive am Iran. Die familiären Wurzeln, die Landschaft, das Essen.

Die Mullahs…
© 2026 Carlsen Verlag GmbH

Das Kopftuch wird zum Symbol. Es steht für Unterdrückung, aber irgendwie auch für Befreiung – nämlich dann, wenn Roya es lüften oder abnehmen kann. „Wind in meinem Kopftuch“ – der Titel drückt gleichzeitig eine Sehnsucht aus. Nach Freiheit, nach Identität, nach Selbstbestimmung.

Gefühl und Suche

„Ich habe das Gefühl, als sei etwas in mir zur Ruhe gekommen“, denkt sie bei der Rückreise im Flugzeug, während sie ihren Kopf auf die Schulter ihres Vaters legt. Nur um dann später, als sie von ihrer Mutter empfangen wird, von ihren Gefühlen übermannt zu werden und in Tränen auszubrechen.

Erleichterung…
© 2026 Carlsen Verlag GmbH

Was das Buch so bemerkenswert macht, ist, dass es der Künstlerin gelingt, ihre innere Zerrissenheit so darzustellen, dass wir sie als Leser zu 100 Prozent nachvollziehen können. Zuhause die Fremde, im Ausland die Deutsche. Wer bin ich und wo komme ich her? Kein Klischee, sondern existenzielle Fragen, die eine junge Erwachsene unbedingt geklärt haben möchte.

Plötzlicher Tod

Die Reise in den Iran ist übrigens die letzte, die sie mit ihrem Vater machen wird. Kurz darauf stirbt er überraschend. „Ein ganzes Leben – verpackt, gestapelt und eingeteilt in „behalten“, „Müll“ und „Ebay“, heißt es zu Beginn des Comics. Nüchtern benannt, aber voller Gefühl erzählt. So wie der Rest des Comics auch. Selten habe ich eine Graphic Novel gelesen, die so gefühlvoll ist, ohne sentimental oder gar kitschig zu werden.

Was übrig bleibt.
© 2026 Carlsen Verlag GmbH

Im Nachwort geht die Autorin übrigens auf die aktuellen Entwicklungen im Iran ein. Drei Jahre nach ihrer Reise, entbrennt dort eine feministische Revolution. Das Land rückt in den Focus der Öffentlichkeit, Bilder werden über Social-Media-Dienste in alle Welt gespielt. Hoffnung keimt auf. Zumindest eine Zeitlang.

Schlagzeilen über Schlagzeilen

Und noch während Roya im Januar 2026 an dem Text schreibt, gerät das Land erneut in die Schlagzeilen. Allerdings auf eine ganz andere Art. „Wir alle freuen uns auf den Tag, an dem der Iran endlich frei sein wird“, schreibt sie als letzten Satz. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Außer: Lest Wind in meinem Kopftuch – einen Comic, der durch seine ruhige Erzählweise und die sehr persönliche Perspektive begeistert.

5 von 5 Comic-Denkblasen

Angaben zum Buch: Wind in meinem Kopftuch |Text und Zeichnungen: Roya Soraya | Carlsen-Comics | HC | Farbe | 184 Seiten | 25 Euro

Hier gehts zum Verlag: Carlsen Comics

Und hier zur Künstlerin: Roya Siraya

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