Ich bin ein verlorener Engel

Es gibt Comics, die haben von Anfang an etwas Besonderes an sich. Die Comics von Jordi Lafebre gehören unbedingt dazu. Schon der erste Teil seiner Barcelona-Krimis hatte mich allein durch das Buchcover angelockt. Schön, wenn Cover funktionieren… Ungewöhnlich von der Perspektive, interessant vom Motiv. Und auch die Geschichten sind alles andere als von der Stange. Jetzt liegt der zweite Teil seiner Krimis um die junge Psychiaterin und Hobby-Ermittlerin Eva Rojas vor: »Ich bin ein verlorener Engel«.
©  Splitter-Verlag

Ich gebe zu, ich hatte den ersten Band der Krimi-Reihe noch nicht gelesen – das muss man aber auch nicht, um die skurrile Fortsetzung zu verstehen. Die Geschichte fängt mit einem Mordfall an. Oder war es vielleicht auch ein Unfall, oder Selbstmord? Jedenfalls steckt das Opfer kopfüber im Beton. Es gucken nur die tätowierten Beine heraus, die den Ermittlern schnell Hinweise darauf geben, dass hier wohl ein Nazi umgekommen ist.

Ungewöhnliche Ermittlerin

Am Tatort: Eva Rojas. Ist sie Zeugin, Täterin, vielleicht Opfer? Kein leichter Fall für die Vize-Inspektorin, die von Rojas nur »Merkel« genannt wird. Eine Befragung soll Licht ins Dunkel bringen. Doch Eva Rojas besteht darauf, dass diese in der Praxis ihres Psychiaters Dr. Llull stattfindet. Geschickt zieht Zeichner und Autor Jordi Lafebre diese »Verhörsituation« durch die ganze Geschichte. Während der Fall in Rückblenden erzählt wird, wir Teil dessen werden, was in anderen Krimis gern als Ermittlung bezeichnet würde.

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Doch die Hauptfigur Rojas ist anders. Nicht nur, dass sie schlagfertig und mutig ist, manchmal vielleicht auch übermütig und naiv. In ihrem Kopf hört sie Stimmen. Längst verstorbene weibliche Familienmitglieder, die ihr mal Ratschläge geben, mal Mut zusprechen, mal den Kopf schütteln, ob des Leichtsinns ihres »Schützlings«.

Verrücktes Ensemble

Die Geschichte verwebt Rojas eigene Tätigkeit als Psychiaterin, mit der Entführung eines ihrer Patienten, eines berühmten Fußball-Profis. Es geht um Prostituierte, um Neonazis, um einen Transsexuellen – und immer wieder um die Stimmen im Kopf, mit denen die Protagonistin gerne ins Zwiegespräch geht, bevor sie wichtige Entscheidungen trifft. »Ich weiß sehr genau, dass sie nicht real sind«, meint Eva Rojas zu ihrem Therapeuten. Worauf der nur die Stirn runzelt.

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Um das Ganze noch verrückter zu machen, gehört noch ein geheimnisvoller Auftragskiller zum Set, genauso wie Eva Rojas Mutter, die in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht ist. Ach ja – und da ist noch der Ermittler, in den sich Eva kurzerhand verliebt. Der ansonsten aber nur eine kleine Nebenrolle spielt.

Verrückt, verrückter, Lafebre

Neben der feinen Geschichte sind es natürlich die sensationellen Zeichnungen, die diesen Comic so lesenswert machen. In feinstem franko-belgischem Stil zeichnet der Spanier Jordi Lafebre hier zum wiederholten Mal einen modernen Klassiker. Vor einiger Zeit ist er mir schon mit der zauberhaften Reihe Wundervolle Sommer aufgefallen, die er gemeinsam mit dem Szenaristen Zidrou veröffentlicht (auf Deutsch bei Salleck Publications).

©  Salleck-Publications

Dort zeichnet er die Geschichte einer französischen Familie im Sommer 1973. Zeigt Alltagssorgen und Ängste aber auch Spaß mit Kindern und Partner. Zeigt das Leben einer ganz normalen Familie eben. So wie es damals war und auch heute noch sein könnte. In seiner Krimi-Reihe aber lebt er das Skurrile, Abgefahrene aus.

Grandioser Stil

Bei Ich bin ein verlorener Engel ist er wie schon beim Vorgänger-Band selbst der Autor der Geschichte. »Ich liebe es, Geschichten zu erzählen«, schreibt er auf seiner Homepage. Und: »Die Emotion ist das Wichtigste in den Bildern.« Genau das sieht man seinen Zeichnungen an. Fröhlichkeit und Melancholie bei Wundervolle Sommer, Anspannung, Angst und Sorglosigkeit zugleich bei seinen Barcelona-Krimis.

Das Cover des ersten Bandes ©  Splitter-Verlag

Wer die Comics von Jordi Lafebre noch nicht gelesen hat, kann sich auf sie freuen. Nehmt Euch Zeit, diesen sensationellen Zeichner und Autor zu entdecken. Für mich ist er die Überraschung der letzten Jahre. Keine Geschichte hat mich bisher enttäuscht. Im Gegenteil: Mit jedem weiteren Buch, das ich von ihm lese, zeigt mir der Künstler eine neue, weitere spannende und beeindruckende Seite von sich. Mehr kann man wohl nicht erwarten, oder?

10 von 5 Comic-Denkblasen

Angaben zum Buch: Ich bin ein verlorener Engel. Text/Zeichnungen: Jordi Lafebre | HC | Farbe | 112 Seiten | Splitter-Verlag | 25 Euro
Hier gehts zu Jordis Homepage: https://jordilafebre.format.com/home
Und hier zum Verlag: Splitter-Verlag

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