Die Summe seiner Teile

Führende KI-Forscher warnen gerade davor, dass sich die Künstliche Intelligenz selbstständig macht und die Menschheit bedroht. Es wird sogar ein Forschungs-Stop empfohlen. Ein spannendes Umfeld für die Graphic Novel von Julia Zejn und Matthias Lehmann. Darin gehen sie der Frage nach, welche Folgen die wachsende Verschmelzung von Mensch und KI haben kann: Die Summe seiner Teile.
© 2026 Julia Zejn, Matthias Lehmann / Reprodukt

Mara und Joshua sind ein Liebespaar. Sie tanzt, er komponiert Musik. Gemeinsam mit einem Freund hat er ein Performance Projekt gegründet – studiert dann aber Psychologie. Bei einem Autounfall wird Mara leicht verletzt, Joshua aber liegt im Koma. Die Ärzte haben eigentlich keine Hoffnung mehr. Und dann tauchen Experten des Wissenschaftlichen Forschungsinstituts Mensana auf.

„Mein Denken ist da, mein Körper fehlt, als wäre er taub. Ich muss mich erst noch daran gewöhnen.“

Sie überreden Mara dazu, mit Johsua ein klinisches Experiment durchzuführen. Dazu erstellen sie eine digitale Kopie seines Gehirns. Während sein Körper klinisch tot ist, lebt Joshua digital weiter. Mara kann über ihren Rechner mit ihm reden. Eine Projektion gaukelt ihr vor, dass sie mit ihrem geliebten Freund redet, nicht nur mit einem Bot.

© 2026 Julia Zejn, Matthias Lehmann / Reprodukt

Doch schon bald führt Maras Bedürfnis nach körperlichen Erfahrungen und Joshuas Erkenntnis, im Bewusstsein ewigen Daseins die Bedeutung aller Dinge zu verlieren, zu rapide wachsenden Spannungen.

Zwischen Körper und Geist

Fans der Zeichentrickserie Captain Future dürften sich bei dieser Szene an Professor Simon Wright erinnern, das sogenannte lebende Gehirn, das körperlos in einem schwebenden Spezialbehälter existierte und der Crew der Comet manchmal lebensrettende Tipps gab.

© 2026 Julia Zejn, Matthias Lehmann / Reprodukt

Vielleicht hatten Julia Zejn und Matthias Lehmann ja eben diesen Simon Wright vor Augen, als sie die Idee für ihre futuristische Geschichte entwickelten. »Bleibt ein digitales Bewusstsein tatsächlich ein Mensch?« Die Leitfrage, die sich die beiden bei Die Summe seiner Teile stellen. Und was passiert, wenn sich dieses digitale Bewusstsein möglicherweise verändert?

Captain Future lässt grüßen

Was macht einen Menschen aus? Welche Folgen hat die KI für unsere Gemeinschaft? Und wo sind die Grenzen der Medizin? Steht technische Entwicklung gegen Ethik und Moral? Und: Welche Verantwortung haben wir gegenüber einem sterbenden Menschen? Was macht er mit uns? Und wie können wir uns von dieser Verantwortung befreien, um selbst wieder ein normales Leben zu führen?

© 2026 Julia Zejn, Matthias Lehmann / Reprodukt

Julia Zejn und Matthias Lehmann ist ein spannender und tiefgründiger Comic gelungen. In klaren, eindeutigen Schwarzweiß-Zeichnungen, die mich des Öfteren an Craig Thompson erinnern, folgen wir der Protagonistin Mara. Wir können mit ihr mitfühlen, spüren ihre Verzweiflung, verstehen ihre Hoffnungen. Wir bemerken auch den Zorn, der in Joshuas digitalem Bewusstsein aufsteigt und fühlen seine Ängste mit.

„Sind Gehirn und Bewusstsein nur komplex und schwer zu verstehen? Oder sind sie komplex auf eine Weise, die wir nicht nachvollziehen können?“

Auch wenn das Thema großes Potential hätte, in Pathos zu versinken: Den beiden Künstlern gelingt der Spagat, zwischen Tränen erweckender Betroffenheit und spannender Zukunftsvision. Ein Buch, das ein spannendes Thema aufmacht, jenseits von Künstlicher Intelligenz. Und wer weiß, wie lange es noch dauert, bis Professor Simon Wright Wirklichkeit wird…

© 2026 Julia Zejn, Matthias Lehmann / Reprodukt

4 von 5 Comic-Denkblasen

Angaben zum Buch: Die Summe seiner Teile | Zeichnungen: Julia Zejn/Text: Matthias Lehmann. Reprodukt | HC | schwarzweiß | 128 Seiten | 20,- €  
Hier geht es zum Verlag: REPRODUKT

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