Das Ritual – von Thomas Gronle

Man kennt ihn von Moga Mobo, dem kostenlosen Comic-Magazin, das schon 1994 gegründet wurde und mittlerweile 123 Ausgaben zählt: Thomas Gronle. Gemeinsam mit Titus Ackermann und Jonas Greulich bringt er das Heft heraus. Doch erst jetzt hat er seinen ersten eigenen Comic veröffentlicht. Im Interview erzählt er uns von Dämonen, Drehbuchvorlagen und Darstellungsformen.
© Copyright für die Buchausgabe:
MOGA MOBO & EDITION 52

(Alex Jakubowski) Wow, was für ein Trip, oder? Dein Buch zieht einen richtig rein und wird immer wilder, je weiter man liest. Hast Du Dir das so erhofft?

Das freut mich zu hören! Ich wollte auf jeden Fall eine spannende, rasante Geschichte erzählen, die einen gut unterhält. Die aber auch einen gewissen gesellschaftlichen Anspruch hat und mehr bietet als nur „Zombies im Plattenbau“. Außerdem habe ich ja in Brüssel am Comicinstitut St. Luc studiert und dort das Comic-Handwerk gelernt. Daher habe ich auch den Anspruch, mit meinen Comicseiten flüssig und klar verständlich zu erzählen. Leser*innen sollen sich nicht auf den Seiten verlaufen oder Mühe haben, der Geschichte zu folgen. Das scheint dann ja zu funktionieren.

© Copyright für die Buchausgabe:
MOGA MOBO & EDITION 52
Im Prinzip geht es in Deinem Comic um ein Ritual – daher auch der Titel –  das alle 107 Jahre durchgeführt wird: Dämonen fordern Menschenopfer. Dumm nur, dass der Hotelportier Jan zwischen die Fronten gerät. Kann man die Story so zusammenfassen?

Ja, das kann man so sagen. Allerdings muss sich Jan in dieser ungewohnten Lage unfreiwilligerweise nicht nur den Dämonen stellen, sondern er steht auch vor vielen Fragen: von sozialer Isolation, Armut und Unfreiheit und von Solidarität, Lebenslust und Liebe. Jetzt, wo ihm sein Leben um die Ohren fliegt, ist er gezwungen, dieses zu überdenken und entdeckt völlig neue Seiten an sich selbst.

© Copyright für die Buchausgabe:
MOGA MOBO & EDITION 52
Die Story basiert auf einem Drehbuch von Aron Craemer. Erzähl uns mehr über Aron und sein Buch. Wird es auch noch verfilmt? Wie kommt es, dass Du es adaptiert hast?

Soweit ich weiß, wird das Drehbuch bislang nicht verfilmt. Vielleicht kommt das jetzt im Zuge der Graphic Novel… Als Animation mit meinen Designs wäre es natürlich der Hammer. Aron kenne ich schon seit Ende der 1990er aus den Nachwendezeiten im Prenzlauer Berg – als Barbetreiber, Autor, Regisseur und Filmfestorganisator. Wir haben uns zu Anfang der Corona-Pandemie zufällig auf der Straße getroffen und uns über den Lockdown und die akut fehlenden Jobs in der Kreativbranche unterhalten. Ich erzählte ihm, dass ich jetzt eigentlich Zeit hätte, um endlich mal meine erste Graphic Novel zu zeichnen. Er sagte, er hätte da noch ein Drehbuch in der Schublade, das er seit 15 Jahren nicht verfilmt bekommt, weil es für den deutschen Markt zu teuer ist und viel zu viele Special Effects enthält.

Ich habe es gelesen, fand es super und sehr passend für eine zeitgemäße, schräge Geschichte mit Action und Anspruch. Ich interessiere mich für die Lebensrealitäten von Randgruppen, alternative Lebensentwürfe und urbane Subkultur. All diese Dinge sah ich in diesem Drehbuch und hatte sofort Bilder dazu im Kopf.

© Copyright für die Buchausgabe:
MOGA MOBO & EDITION 52
Hatte Aron Einfluss auf Deine Umsetzung?

Nein, nur sehr wenig. Er hat mir freie Hand gelassen. Ich habe mit ihm eine erste Skizzenfassung besprochen, daraufhin hatte er Anmerkungen bezüglich der charakterlichen Entwicklung von Lacrima. Auch haben wir das Charakterdesign von Lacrima besprochen. Die ersten Monsterentwürfe von ihr fand er nicht treffend.

Diese Themen habe ich dann überarbeitet, aber ansonsten hat er sich nicht eingemischt. Aus grafischer Sicht habe ich den Showdown vom Hof des Hochhauses auf das Dach verlegt, weil das für mich die stärkeren Bilder waren. 

Das Aussehen des Hotels und des Hochhauses habe ich frei gestaltet, und auch zu den „Kostümen“ der Figuren stand im Drehbuch, wie üblich, nicht viel. Die Figuren waren eher vom Charakter her beschrieben, sodass ich sie für mich passend visualisiert und „eingekleidet“ habe – nach viel Bildrecherche im Netz und natürlich nach Beobachtungen auf den Berliner Straßen und in entsprechenden Wohnsiedlungen.

© Copyright für die Buchausgabe:
MOGA MOBO & EDITION 52

Um den Vorwurf zu entkräften, mit der Durchführung des Opferrituals soll es bewußt eine bestimmte Gesellschaftsschicht treffen (und die würden das sogar wollen), habe ich zum Drehbuch noch die Vorgeschichte ergänzt in der erzählt wird, wo das Ritual die Male davor stattgefunden hat. Beim Untergang der Titanic, bei streng gläubigen Christen und in Versailles am Hof des Sonnenkönigs. Es hat also über die Jahrhunderte ganz unterschiedliche Klassen getroffen.

Ansonsten hatte ich einen dramaturgischen Berater. Mit Daniel Funke, einem befreundeten Set-Aufnahmeleiter beim Film, habe ich immer wieder über Kostüme, Szenenauflösung und -reihenfolge oder auch die tonale Ausrichtung der Adaption gesprochen. Und meine Freundin Anja hat mir immer wieder künstlerisch zum Erscheinungsbild der Grafik Feedback gegeben.

© Copyright für die Buchausgabe:
MOGA MOBO & EDITION 52
Ich persönlich finde die Farbgebung besonders bemerkenswert. Bei Dämonen erwarte ich eine düstere Geschichte. Ja, zugegeben, die Dämonen sind schwarz, aber sonst setzt Du rosarote Töne und Blau ein. Warum? 

Die Farbigkeit kommt noch aus der Skizzenphase. Ich habe auf dem iPad in Procreate mit Blau angefangen, die Seiten zu skizzieren, und brauchte dann eine zweite Farbe, um bestimmte Elemente wie Soundwörter, „gezeichnete Musik“, Lichtstimmungen an und in den Gebäuden, aber auch am Himmel zu skizzieren. Die Geschichte geht ja vom Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang, da spielt die grafische Darstellung von Tag und Nacht eine große Rolle. Außerdem habe ich mit den beiden Farben auch schon die Lesbarkeit und die Blickführung der Leser*innen geplant.

Als ich Varianten für die Farbigkeit der Reinzeichnung (ebenfalls in Procreate) ausprobiert habe, fand ich die blau-rote Farbigkeit, die ja sehr künstlich und synthetisch wirkt, sehr passend für eine doch sehr konstruierte Geschichte, die von einem Aufeinanderprallen zweier Interessensgemeinschaften erzählt, die sich im übertragenen Sinne im echtem Leben so nie begegnen würden.

© Copyright für die Buchausgabe:
MOGA MOBO & EDITION 52

Deswegen auch die rote Pagenuniform, die Jan trägt: Er soll ganz bewusst durch seine Kleidung an die Comicfigur Spirou erinnern. Nicht vom Charakter, aber eben an eine bekannte fiktive Figur. Ich hatte kein Interesse daran, eine realistische Splattergeschichte zu inszenieren. Ich habe die Drehbuchvorlage ganz bewusst grafisch stilisiert adaptiert um über die Form und die Erzählweise die Leser*innen in den Bann zu ziehen, zu unterhalten und dabei eher beiläufig ernste Fragen zu behandeln.

Das Schwarz kam dann als Kontrast dazu, weil ich für die Dämonen eine etwas anonymisierte Darstellungsform gesucht habe. Für mich waren die Massen der Dämonen eher eine einheitliche schwarze Masse – ein dunkler, surrealer, bedrohlicher Brei, der an Scherenschnitte erinnert. Die schwarzen Flächen sollten den Raum der „Opfer“ schon grafisch bedrohen. Außerdem muss man dann weniger Details zeichnen. ; ))

© Copyright für die Buchausgabe:
MOGA MOBO & EDITION 52
Sehe ich das richtig, dass das Ritual Deine erste Monografie ist? Wie fühlt es sich an?

Ja, das ist richtig. Ich bin sehr stolz auf mich, dass ich das durchgezogen habe! Das positive Feedback tut mir gerade sehr gut nach den vielen künstlerischen Entscheidungen, den vielen Zweifeln, aber auch den Höhenflügen, die so ein Werk mit sich bringt. Mein Respekt vor Leuten, die eine Graphic Novel nach der anderen zeichnen, ist extrem gewachsen.

Natürlich wollte ich direkt nach meinem Comicstudium in Brüssel ein Album zeichnen, aber dann habe ich bei meiner Rückkehr nach Deutschland das Comic-Kollektiv MOGA MOBO mit Titus Ackermann und Jonas Greulich kennengelernt. Ich war begeistert von ihrem Konzept, seit 1994 kostenlos ein Independent-Comicmagazin in großer Auflage unters Volk zu bringen und somit auch Leuten, die den Weg nicht in den Comicladen finden, zu zeigen, was mit dem Medium Comic alles möglich ist. Der deutsche Comicmarkt war zu dieser Zeit ja noch wesentlich kleiner als heute und Comic war immer noch als etwas für Kinder verschrien.

Da bin ich dann 1999 bei MOGA MOBO eingestiegen, und gemeinsam haben wir in den letzten 30 Jahren 123 Ausgaben des MOGA MOBO-Magazins veröffentlicht. Mit unseren Kurzgeschichten von vielen Gastzeichner*innen. Teilweise waren das dicke Bücher in einer thematischen Bandbreite von Popmusik über Weltliteratur bis hin zu Umweltschutz oder politischen Konflikten. Hinzu kamen narrative Installationen, Zeichenmaschinen oder Comicwettkämpfe. Wir sind sehr viel um die Welt gereist. Mit der Unterstützung des Goethe-Instituts haben wir Ausstellungen, Comicpublikationen und Workshops organisiert und mit Künstler*innen vor Ort in Tokio, Seoul, Taipeh, Helsinki, Stockholm und Havanna zusammengearbeitet. 

© Copyright für die Buchausgabe:
MOGA MOBO & EDITION 52

Gleichzeitig haben wir uns und Zeichner*innen in Deutschland eine Plattform geboten, um Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Das war alles sehr spannend und unglaublich inspirierend. Aber den Gedanken, es mir selbst und der Welt zu beweisen, dass ich es auch alleine, ohne unser eingegroovtes Team, schaffen kann und auch mal eine 200-seitige Geschichte und nicht nur eine Kurzgeschichte aufs Papier bekomme, habe ich nie aus dem Kopf bekommen. Nachdem dann auch Titus letztes Jahr seine erste vierteilige Graphic Novel „Was vom Leben übrig bleibt“ bei MOGA MOBO veröffentlicht hatte, war mein Ehrgeiz geweckt, mich jetzt endlich auch mal zu trauen, meine „Solo-LP“ anzugehen. Aber ohne 30 Jahre MOGA MOBO und den künstlerischen Austausch mit Titus und Jonas in dieser Zeit wäre Das Ritual bestimmt nicht zu dem geworden, was es ist.

Ruhst Du Dich jetzt erstmal auf Deinem „Erfolg“ aus, oder sitzt Du bereits an einem nächsten Werk?

Nein, ich habe absolut Blut geleckt und bin schon auf der Suche nach einem neuen Stoff … Das Problem ist ein bisschen die wirtschaftliche Situation als Comiczeichner. Die Produktionszeit ist sehr aufwendig, langwierig und schlecht bis gar nicht bezahlt. Ich habe fünf Jahre an Das Ritual gearbeitet – nicht Tag und Nacht, da ich nebenher immer auch noch Illustrationsjobs annehmen musste, um meinen Lebensunterhalt zu finanzieren.

Ich habe aber gemerkt, dass man sich die Themen für ein neues Buch sehr gut überlegen muss. Fiktive Stoffe sind schwerer zu verkaufen als zeitgemäße, gesellschaftliche Themen. Außerdem muss man sich überlegen, ob man wieder 200 Seiten zeichnet oder eher etwas Kürzeres macht oder die Geschichte in Etappen publiziert. Da muss man wohl schon auch etwas marktwirtschaftlich denken, auch wenn das nicht so meine Art ist. Und Moga Mobo gibt es ja auch noch, wer weiß was wir als nächstes wieder gemeinsam auf die Beine stellen!

Der Zeichner beim Signierne. © Foto: Lars von Törne
Angaben zum Buch:
Titel: Das Ritual Comic-Adaption | Zeichnungen und Cover: Thomas Gronle – Legron | Nach dem  Drehbuch „Der Nachtportier“ von Aron Craemer | Verlag: MOGA MOBO und EDITION 52 | 196 Seiten | Farbe | Hardcover | 29 Euro
HIer gehts zur Homepage von Thomas. Hier zu Moga Mobo – dort kann man auch signierte Bücher bestellen – und hier zur Edition 52.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert