75 Jahre Micky-Maus-Magazin: Andreas Platthaus im Interview

Wer hätte das gedacht? Die gute alte Micky Maus wird doch tatsächlich schon 75 Jahre alt. Gemeint ist nicht die Figur – denn die ist ja schon viel älter – sondern natürlich das Comic-Heft, das im Untertitel: „Das bunte Monatsheft“ hieß. Auch wenn es aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar ist: Das Magazin war eine kleine Sensation. Eröffnete es für viele Leser doch eine neue Welt – eine bunte Welt. Vermutlich hat „Die Micky Maus“ auch anderen Comics in Deutschland den Weg bereitet. Anläßlich meiner Berichterstattung zu diesem Jubiläum in Radio und Fernsehen habe ich den FAZ-Kollegen und Comic-Kenner Andreas Platthaus zu Micky Maus interviewt. Hier könnt Ihr jetzt also unser komplettes, kurzes Interview nachlesen. 75 Jahre Micky-Maus-Magazin: Andreas Platthaus im Interview.
Andreas Platthaus in seinem Frankfurter Büro
© 2026 Jan Velten
(Alex Jakubowski) Lieber Andreas Platthaus, welche Bedeutung hatte das Heft eigentlich bei seiner Veröffentlichung?

(Andreas Platthaus) 1951, als die Maus rauskam – das merkt man in allen Erinnerungen von Leuten, die damals Kinder waren – war das ein Farbeffekt in einer ansonsten noch durch die Bombardierungen absolut grauen Umgebung. Es ist bemerkenswert, wie sich wirklich alle Leute, die ich kenne, die das damals miterlebt haben, plötzlich darüber gewundert haben, dass sich eine bunte Welt auftat. Ich glaube, das hat nicht ganz unwesentlich dazu beigetragen, dass da eine solche Begeisterung für entstand. Natürlich auch die Qualität der darin enthaltenen Geschichten und die wunderbaren Texte, die wir in Deutschland haben. Aber ich fürchte, die Farbe ist am allerwichtigsten gewesen.

Die legendäre Nummer 1
© 2026 Egmont Ehapa Media /Disney
Wie war es denn grundsätzlich um die Akzeptanz von Comics bestellt? Es gab ja lange, lange Jahre die Schund-Debatte.

Es war schwierig am Anfang, auch mit der Micky Maus. Man hat sich sehr viel Mühe gegeben, denn der Verlag Ehapa in Stuttgart wusste schon sehr genau, dass es wenig Sympathie für die Kunstform des Comics damals in der Bundesrepublik gab. Und das war zum Beispiel der Grund, warum mit Erika Fuchs eine Frau als Chefredakteurin verpflichtet wurde, die zwar von Comics gar nichts verstand, die aber einen Doktortitel zu bieten hatte. Und da konnte man dann das Gefühl vermitteln: Oh, da sind gebildete Leute, die sich mit diesem eigentlich ja als sehr, sehr minderwertig abgetanen Zeug beschäftigen.

Und in gewisser Weise hat es funktioniert – nicht so, dass sofort das ganze Land begeistert umgeschwenkt hätte und gesagt hätte: Toll, Comics, jetzt können wir endlich mal was ganz Großartiges lesen. Aber zumindest so, dass die Familien, die sich darauf eingelassen haben, dann tatsächlich das Gefühl hatten: Unsere Kinder bekommen da etwas geboten, was sowohl von der grafischen Gestaltung wie auch von der sprachlichen Gestaltung zumindest ihrer Bildung nicht abträglich ist. Das würde ich sagen, ist tatsächlich eine Erfolgsgeschichte für die Akzeptanz des Comics in Deutschland, die man nicht unterschätzen sollte. Ohne Micky Maus hätte das Ganze sicherlich noch mal zehn bis 20 Jahre mehr gebraucht.

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War Chefredakteurin und Übersetzerin Erika Fuchs Grundstein des Erfolg? Sie hat die Comics ja nicht nur durch ihre lautmalerischen Begriffe geprägt, sondern auch mit ihren Zitaten, etwa „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör“.

Woran ich mich bei Erika Fuchs‘ Texten sofort erinnere, sind natürlich Anspielungen auf große deutsche Literatur, aber teilweise auch auf Wagner-Texte. Es gibt wunderbare kleine Passagen, die direkt aus den Texten zu Wagner-Opern entnommen sind, denn Erika Fuchs kam aus einer ganz Wagner-verrückten Familie. Aber sie hat Schiller zitiert, sie hat Goethe zitiert und sie hat wiederum eigene Sprachprägungen durchgeführt, und das sind natürlich diejenigen, die ich am allerliebsten mag, die teilweise sehr, sehr altertümlich klingen.

Aber wenn ich an ein Bild mit Donald denke, der gerade von seiner Katze relativ übel malträtiert wird und dann im Moment des größten Schmerzes sagt: „Schnurrli was ficht dich an“ – das, muss ich zugeben, das war für mich als Kind so unglaublich skurril, so wahnsinnig sprachbegabt, auch in Momenten des allergrößten Ungemachs, dass ich sagen würde: Das bleibt für immer hängen. Wenn man es einmal gesehen und gelesen hat, vergisst man das nie wieder.

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Kann man die Arbeit von Erika Fuchs kongenial nennen?

Es ist schwierig, von Kongenialität zu reden, denn Erika Fuchs hat in gewisser Weise gegen die Comics übersetzt. Sie hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass sie mit dieser Erzählform so gut wie gar nichts anfangen konnte und, dass sie im Endeffekt auch die Texte separat von den Bildern übersetzt hat. Sie hatte zwar die Bilder als relativ schlechte Kopien bei den Übersetzungen dabei, aber sie hatte sich die Texte immer noch separat geben lassen und hat dann weitestgehend anhand der Textpassagen übersetzt.

Dann musste sie natürlich ein bisschen gucken, ob das überhaupt in die Sprechblasen reinpasst – so gesehen wird sie sich die Bilder schon noch angeschaut haben – und sie hat teilweise ganz anders übersetzt als die Zeichner in Amerika, die die Geschichten geschrieben und gesetzt haben, sich das eben vorgestellt haben. Dadurch wurden die Figuren verändert. Die bekamen ganz andere charakterliche Eigenschaften, durch ihren Sprachgebrauch. Aber das hat überhaupt nicht geschadet – im Gegenteil – ich würde sagen, das was Erika Fuchs mit Entenhausen gemacht hat, das hat zu einer größeren Komplexität dieser Welt beigetragen und es ist kein Zufall, dass das, was ich sehr liebe – nämlich den Donaldismus, die Erforschung der Welt von Entenhausen – in der Form, dass es sich wirklich mit dem Inhalt der Comics beschäftigt und nicht mit den Entstehungsbedingungen oder den Zeichnern die dahinter stehen, eigentlich nur im deutschen Sprachraum stattgefunden hat. Denn nur hier scheint mir wirklich die Basis dafür zu sein, dass wir von einem ganz eigenen Universum sprechen, was es da zu erforschen gibt.

Mein Geburtsjahr…
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Kommen wir noch mal zum Micky-Maus-Heft zurück. 75 Jahre – Welche Bedeutung hat das Heft denn heute?

Das Heft hat natürlich einiges an Publikum verloren. Wir sprechen über ein Magazin, was erstmal Nachkriegsgeschichte in der Bundesrepublik geschrieben hat und dann vor allem auch deutsche Vereinigungsgeschichte geschrieben hat. In den 1990er Jahren hatte die Micky Maus mehr als eine Millionen Hefte Auflage pro Woche. Mittlerweile sind wir auf einen zweiwöchigen Erscheinungsrhythmus umgestiegen und ich weiß gar nicht, ob wir überhaupt noch über sechsstellige Auflagezahlen reden können. Das heißt, das Heft hat auch sehr darunter gelitten, dass natürlich die ganze Printbranche mittlerweile nicht mehr so bei jungen Leuten ankommt, wie das früher der Fall war, Trotzdem ist es immer noch ein sehr gut verkauftes Kioskprodukt. Erfreulicherweise existiert es immer noch.

Die Jubiläumsausgabe
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Hier gehts zum Verlag: Egmont
Und hier gehts zu einem weiteren Text zu Micky Maus: 90 Jahre Micky Maus

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