313 Fragen an: Philipp Schreiber

Es ist kein Geheimnis, der Verlag Schreiber & Leser gehört zu meinen Favoriten unter den Comic-Verlagen. Immer wieder bringt man dort bisher unentdeckte Perlen ins Programm. Und – und dafür liebe ich das Haus besonders – man pflegt das Werk des belgischen Zeichners François Schuiten. Die Geheimnisvollen Städte gehören zum Grundprogramm des Hamburger Verlags. Aber auch der Rest des Oeuvres wird hier verlegerisch verwaltet. Und so ist es kein Wunder, dass zuletzt mit Panzerung und Zara aus der Hohle-Welten-Reihe auch das Frühwerk des gelernten Architekten veröffentlicht wurde. Ein dritter Band – NogegoN – ist in Vorbereitung. Eine Woche vor dem Comic-Salon in Erlangen hat sich der Verlagsleiter Zeit für unser Interview genommen. 313 Fragen an: Philipp Schreiber.
Ein Comic aus dem Frühwerk von Schuiten. © 2026 Schreiber & Leser
(Alex Jakubowski) Lieber Philipp, als großer Schuiten-Fan freue ich mich, dass die Comics von ihm bei Euch ihre Heimat gefunden haben. Zuletzt habt Ihr ja auch zwei frühe Werke von ihm wiederveröffentlicht, die er zusammen mit seinem Bruder Luc veröffentlicht hat. Wie wichtig ist Dir die Pflege des Gesamtwerks von Schuiten?

(Philipp Schreiber) François Schuiten ist mit seinen Werken dem Kern dessen sehr nahe, was wir als unsere Programm-Ausrichtung bei Schreiber&Leser empfinden. Da ist es nicht verwunderlich, dass wir die Schuiten-Bücher bereits seit ca. 30 Jahren im Programm haben. Es hat sich auch mit der Zeit eine persönliche Beziehung zu François Schuiten (wie auch Benoît Peeters) ergeben – so weit das eben möglich ist, wenn immer noch ein belgischer Original-Verlag dazwischen ist und die Kommunikation daher nicht direkt erfolgen kann bzw. soll. So habe wir dann z.B. auch das sehr untypische Buch Jim gemacht, in dem François seinem Hund und langjährigem Begleiter nachtrauert, einfach, weil es Schuiten sehr wichtig war, dieses Buch veröffentlicht zu sehen. Da die Trilogie der Hohlen Welten als einige wenige Werke bei uns noch fehlten, haben wir uns also zuletzt auch diese vorgenommen.

Jim Ex libris
© 2025 Schreiber & Leser
Welcher Comic aus dem Werk des Belgiers ist denn Dein persönlicher Favorit?

Wie immer fällt es mir schwer, ein einzelnes Buch herauszuziehen, denn wenn wir daran arbeiten, ist das aktuelle Projekt mir meist das Liebste, einfach, weil man sich dann sehr intensiv damit beschäftigt. Tatsächlich hatte ich zuletzt sehr viel Freude an dem Sekundärband Brüssel – Der große Traum, der ja gar kein Comic ist, sondern eher ein Führer durch die jüngere und nicht mehr ganz so junge Vergangenheit Brüssels. Ich hätte nie erwartet, dass ich ein Buch über Stadtgeschichte so unterhaltsam finden würde. Zufällig ergab sich kurze Zeit später mal wieder ein Besuch in Brüssel, sodass es vielleicht einfach ein Zufall war, dass mir das so lebendig in Erinnerung geblieben ist. Grundsätzlich schätze ich an den frühen Schuiten-Werken die Experimentierfreudigkeit und die Ideen dieser „jungen Wilden“, in den späteren Werken ist sein Handwerk wiederum noch raffinierter. 

Favorisierter Sekundärband
© 2025 Schreiber & Leser
Ich war jüngst in Belgien und habe mir einen neuen Band seines Bruders Luc zugelegt (Un monde désirable) – allerdings auf Französisch. Denkst Du daran, auch so etwas in Euer Programm aufzunehmen?

Dieses Buch war mir bislang vollkommen unbekannt, also musst du es mir vielleicht mal ausleihen, wenn du es durch hast!

Das mache ich natürlich sehr gerne, aber erzähl uns bitte mehr über die grundsätzliche Auswahl Eures Comic-Programms. Wonach geht Ihr vor?

Irgendwo haben wir es mal zusammengefasst als „Gut gemachte Unterhaltung für Erwachsene“ und das trifft es meiner Meinung (hoffentlich!) nach wie vor. Vielleicht kann man es mit einer Küche vergleichen. Es soll vor allem schmecken, mit ordentlichen Zutaten, nicht immer dasselbe, aber immer gut. Wenn uns ein Fan auf einer Messe sagt, „Bei euch im Programm finde ich eigentlich immer irgendetwas.“, dann ist das aus meiner Sicht ein perfektes Kompliment. „Unterhaltung“ muss nicht heißen, dass alles immer rosa und fluffig ist, da geht es auch um Hakenkreuz etc., aber es gibt auch einige Bücher, die waren uns einfach zu negativ und freudlos, um sie zu verlegen. Senior-Verlegerin, Gründerin und meine Ma, Rossi Schreiber, hat schon seit jeher ein Herz für Krimis, und so haben wir auch schon immer viel „Crime“ im Programm, wobei auch das leichtfüßig daherkommen kann, wie z.B. bei den Adaptionen von Léo Malets Nestor Burma Romanen.

Nestor Burma
© Schreiber & Leser
Ich persönlich finde ja die Lincoln-Reihe oder auch die Krimis von Trondheim Maggy Garrison grandios. Aber auch sowas wie Shootin Ramirez. So das Schräge, Abgefahrene liegt Dir anscheinend auch, oder?

Ja, unser Ziel ist es schon, immer noch einen wertvollen Redebeitrag abzugeben zu einem Thema. Gerade Trondheim liegt das ebenfalls mit seinen Szenarien, so dass Green Witch Village eben nicht die x-te Abhandlung ist von „Huch, ich bin in der Vergangenheit gelandet“. Er baut ungewöhnliche Elemente ein, wie eine kleine, sich selbst widersprechende (aber in sich stimmige!) Zeit-Anomalie.

Seite aus Trondheims Green Witch Village
© Schreiber & Leser

Hast Du in den kommenden Monaten etwas in Petto, was in diese Richtung geht?

Ich persönlich freue mich sehr auf den Vierteiler YON, in dem wir einer offenbar etwas autistischen Teenagerin in einer Anstalt für schwer erziehbare Mädchen dabei zusehen, wie sie zusammen mit einigen anderen Mädchen einer tödlichen Bedrohung ausgesetzt ist, die diese kleine Gruppe überraschend in ihrer Anstalt einschließt. Ein bisschen Herr der Fliegen gemischt mit Raumstation „Ich halt’s nicht mehr aus und mache jetzt die Luke auf! – Nein tu’s nicht!“ und irgendwie muss ich auch immer wieder an so was wie Platoon denken. Aber es sind halt Mädels zwischen vielleicht neun und 17 Jahren. Ich hoffe, ich bleibe nicht der einzige, den das abholt… 

Große Freude auf YON
© Schreiber & Leser
Jetzt steht der Comic-Salon Erlangen vor der Tür: Welche Highlights können die Fans da von Euch erwarten?

Alle unsere angefragten Autoren waren leider schon anderweitig verpflichtet, aber die Kollegen vom Avant-Verlag haben Dominique Bertail eingeladen, von dem wir auch einiges verlegt haben und netterweise darf Dominique auch bei uns am Stand (Do. und Fr. jeweils ab 16 h) signieren. Zuletzt hatten wir von Bertail den Western-Zweiteiler Mondo Reverso veröffentlicht, in dem Männer und Frauen die Rollen tauschen, also Mann trägt Kleid und kümmert sich um die Kinder, während Frau mit Patronengürtel davonreitet und Verbrecherinnen jagt. Unser Held verkleidet sich also als Frau und zieht einen Anzug an und setzt Melone auf, um seiner Frau nachzueilen, die sich da draußen irgendwo herumtreibt. Das Ganze eine Hommage an den Film Petroleum-Miezen, falls man den mal wieder gucken möchte. Also, wir sehen uns in Erlangen am Stand und dann kann ich das alles nochmal im Detail vorzeigen!

Philipp beim Comic-Salon Erlangen 2016
© Foto: privat
Wer Philipp in Erlangen besuchen möchte, der werfe doch mal einen Blick auf die Homepage des Salons, da findet Ihr auch einen Lageplan: Comic-Salon Erlangen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert