Asterix und Obelix, Lucky Luke, Isnogud oder auch Der kleine Nick: Was wäre die Comic-Welt nur ohne René Goscinny – der die unbeugsamen Gallier erfunden und all den anderen Figuren so viele schöne Geschichten auf den Leib geschrieben hat. Ja, was wäre die Welt der Bücher insgesamt ohne den in Argentinien aufgewachsenen Franzosen – gilt er doch als einer der meistgelesenen Autoren überhaupt? Am 14. August 1926 – also vor 100 Jahren – wurde Goscinny geboren. Zeit und Grund für mich, Euch ein paar Empfehlungen zu geben – jenseits der schon genannten Comics. 100 Jahre René Goscinny.

Pünktlich zu seinem Geburtstag erscheint auf Deutsch ein Buch seiner Tochter Anne. Im französischen Original wurde es schon 2012 veröffentlicht. „Das Klimpern der Schlüssel“ ist ein herzzerreißender Brief einer Tochter an ihren viel zu früh verstorbenen Vater. Man muss sich das einfach mal vorstellen: Mit neun Jahren verliert Anne ihren Vater, beim Belastungs-EKG in einer Arztpraxis.
„Das Klimpern der Schlüssel“
Im Brief erinnert sie sich an das Klimpern der Schlüssel, als ihre Mutter alleine vom Arzt zurückkommt. Das Klimpern wird zum Symbol – erinnert sie immer daran, dass sie fortan keinen Vater mehr hat. Darüber kann auch nicht die Erinnerung an das Klappern seiner Schreibmaschine hinwegtrösten. Der Brief gibt einen tiefen Einblick in ihr Seelenleben und er lässt den Leser teilhaben – sehr persönlich, sehr emotional. Auch Jahrzehnte, nachdem René Goscinny mit nur 51 Jahren verstorben ist.

Im Brief beschreibt sie eine Szene, die sich an ihrem 18. Geburtstag zugetragen haben soll: Sie besucht den Kardiologen, den sie für den Tod ihres Vaters verantwortlich macht und droht damit, ihn zu erschießen. Der aber bleibt ruhig und erklärt, möglicherweise hätte der Herzinfarkt auch am Steuer seines Autos eintreten und so auch sie und ihre Mutter in Gefahr bringen können.
Die Trauer des Humoristen
„Das Klimpern der Schlüssel“ zeigt Goscinny nicht als den ewig lächelnden, immer lustigen Humoristen. Es zeigt auch einen Mann, der selbst Verluste erlitten hat, aber etwa seine Trauer über deportierte und ermordete jüdische Verwandte nie ausgesprochen hat.
Angaben zum Buch: Das Klimpern der Schlüssel. Brief an meinen Vater. Autorin: Anne Goscinny. Aus dem Französischen von Ina Kronenberger. 80 Seiten, Hardcover. Diogenes Verlag, 2026. 15,99 Euro.
Der Brief an ihren Vater spielt auch im folgenden Tipp eine Rolle. Vor sechs Jahren ist beim Hamburger Carlsen-Verlag eine illustrierte Biografie zu René Goscinny erschienen. Anne Goscinny hat die für ihre Frauenporträts bekannte Zeichnerin Catel dafür gewinnen können, obwohl diese eigentlich nur Interesse an Heldinnen hatte. Nach längeren Gesprächen der beiden über ihren Vater und ihren Umgang mit dessen Tod, kam der Zeichnerin die zündende Idee: Anne Goscinny zur Hauptfigur und Heldin des Comics zu machen.
„Die Geschichte der Goscinnys. Geburt eines Galliers“
Was für ein Glück, denn das Buch zeichnet den durchaus holprigen Lebensweg von René Gsocinny nach. In Paris geboren, zieht es seine aus Polen und der Ukraine stammenden, jüdische Familie 1928 nach Argentinien, wo er aufwächst. In New York versucht er 1945 als Zeichner Fuß zu fassen – merkt aber bald, dass er als Texter besser ist. „Die Anfänge meines Vaters in New York waren hart“, erzählt Anne Goscinny im Comic. Doch er sollte sich erfolgreich durchsetzen.

So kreuzt er die Wege von Mad-Gründer Harvey Kurtzman, trifft Gaston-Erfinder André Franquin, arbeitet mit Jean Tabary zusammen, und natürlich erfindet er gemeinsam mit Albert Uderzo „Asterix und Obelix“. Am Ende erfindet er quasi den Beruf des Szenaristen. Er arbeitet wie besessen und ist immer am Rande einer Depression.
Die Tochter als Heldin
Der Comic beginnt effektvoll mit der Morddrohung beim Kardiologen. Der Brief an ihren Vater ist der Ausgangspunkt der Gespräche zwischen Anne Goscinny und der Zeichnerin Catel. Wer Comic und Brief parallel liest, dem eröffnet sich ein noch tieferer Einblick in das Seelenleben der Tochter.
Comicleser wissen: Asterix und Obelix oder auch Lucky Luke gehören unbedingt zum Kanon eines jeden Comic-Fans – und die Beschäftigung mit ihren Schöpfern lohnt durch das Lesen dieser Art der „Sekundärliteratur“, auf eine ganz besondere Art.
Angaben zum Buch: Die Geschichte der Goscinnys. Geburt eines Galliers. Zeichnungen: Catel. Mit einem Vorwort von Anne Goscinny. Aus dem Französischen von Uli Pröfrock. HC, 336 Seiten. Carlsen-Verlag. 28 Euro (Wie ich feststellen musste, ist das Buch wohl nur noch antiquarisch erhältlich… und wohl auch sehr teuer.)
Und dann gibt es ja noch mein spezielles Sammelgebiet: die eigentliche Sekundärliteratur im Bereich Comics. Da habe ich vor ein paar Jahren einen Ausstellungskatalog entdeckt. Eigentlich war ich bei der großen Uderzo-Ausstellung in Paris – aber im Museums-Shop lag eben auch ein Katalog zu Goscinny aus. Logisch, dass ich nicht daran vorbeigehen konnte, ohne das Buch mitzunehmen.
Ausstellungkatalog: „Au-delà du rire“
René Goscinny: Au-delà du rire – so heißt der Katalog, was ungefähr soviel heißt wie „Jenseits des Lachens“. Der Katalog beginnt mit der frühen Familiengeschichte, gefolgt von dem Kapitel Goscinny in Amerika – geschrieben von Didier Pasamonik, der uns ja auch im Comic-Magazin Alfonz über die Entwicklungen im franko-belgischen Raum auf dem Laufenden hält. Aber natürlich ist das längst nicht alles.

© 2017 Editions Hazan, Paris
Es geht um seine ersten Versuche im Comic-Business. Um seine Arbeit als Szenarist, aber auch um seine Stellung als Chefredakteur von Pilote bis hin zu seiner Bedeutung heute. Und das alles angereichert mit einer Fülle an Fotos, Briefen und Originalskizzen und Zeichnungen. Also: Ein Fest für Sammler und Comic-Afficionados. Übrigens: Wer den Band sucht, findet ihn online noch gebraucht zu recht günstigen Preisen.
Angaben zum Buch: René Goscinny. Au-delà du rire. Ausstellungskatalog des Musée d’art et d’histoire du Judaism, Paris. HC, 240 Seiten. Edition Hazan. 35 Euro Originalpreis.
By the way: Asterix, Isnogud, Lucky Luke und Der kleine Nick sind immer einen Griff ins Regal wert. Und solltet Ihr unterversorgt sein: Eure lokalen Comic-Händler haben bestimmt Nachschub…